Bewegung ist ein natürliches Antidepressivum

Herr Dr. Puelacher im Interview mit Lunge bewegt. Das erste Online-Event für gesunde Bewegung für Menschen mit Lungenkrankheiten wie COPD hat im April 2022 stattgefunden. Die Fragen an Hr. Dr. Puelacher wurden durch eine Umfrage erhoben, die ich im Februar 2022 online gestellt hatte um herauszufinden, was die Menschen bewegt und interessiert. Ich freu mich sehr, hier noch einmal das Gespräch zur Verfügung zu stellen und hoffe, dass diese wertvollen Informationen möglichst viele betroffene Menschen erreicht, ihnen Mut macht, ihre Situation zu verbessern und sich insgesamt wohler zu fühlen.

Wenn Sie jemanden kennen, der COPD hat, oder man Anzeichen dafür erkennt, (oder eine andere Erkrankung der Lunge) sehen sie es wie Dr. Puelacher: Man ist kein schlechter Mensch, nur weil man Rauchen als Strategie gegen den Stress gewählt hat. Hilfe und wohlwollende Unterstützung sind viel wichtiger und hilfreicher als man glaubt.

Fragen an Hr. Dr. Puelacher und seine Antworten

Der Inhalt des ca. 40 minütigen Interviews wurde von mir hier schriftlich, teilweise in Stichworten zusammengefasst. Oft habe ich Dr. Puelacher zitiert. Dies ist für alle, die lieber lesen als Videos schauen. Außerdem wurden einige Fachbegriffe erklärt und mit Links hinterlegt.

Das Video findet ihr unter dem Text – hier der Link zum Audio:

Wie wichtig ist Bewegung für Menschen mit COPD?

Die medikamentöse Therapie ist genauso wichtig wie Nicht-medikamentöse Therapien wie zum Beispiel Bewegung. Es ist extrem wichtig, dass sich die Menschen bewegen, dass die chronisch Kranken richtig trainieren. Ein Training mehrfach die Woche steigert die Lebensqualität und auch die Lebenserwartung steigt.

Wie sieht ein „richtiges“ Training für einen COPD Patienten aus?

„Gartln“ und in den Wald gehen ist „nett“, aber bei chronisch Kranken ist eine Trainingstherapie ist wichtig. Man bestimmt zuerst die Leistungsfähigkeit und auf deren Basis wird das Niveau angepasst. Der Trainingsplan soll machbar und nicht belastend sein, sondern die Fähigkeiten fördern zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit und Lebensqualität.

Welche Ärzte bestimmen die Leistungsfähigkeit?

Ein gutes Verhältnis mit den Hausarzt herstellen ist wichtig. Eine gute Zusammenarbeit hilft, Exit-Strategien und Pläne zu entwickeln, Ziele zu erreichen und Schritt für Schritt zu einem guten Zustand zu finden. Neben einem Training und eventuellen Exit-Strategien für ungesundes Verhalten ist es auch, Entspannungstechniken zu erlernen statt „Drogen“ zu nehmen, also zu schauen: was kann ich statt dessen tun. Zudem ist es wichtig, sich die Ernährung anzuschauen und auch hier anzusetzen. Es ist sehr wichtig, den Lebensstil zu „modulieren“ – also so anzupassen, dass der Lebensstil dem entspricht, sodass er sich gut anfühlt (Anm. von mir)

Es ist unumgänglich den Menschen ganzheitlich zu betrachten. Fehler hervorzuheben, bringt keinen Nutzen, wenn man nicht gleichzeitig Hilfe anbietet.

Was muss man bei einem Training beachten damit einem der Spass daran nicht verloren geht?

Eine ambulante Rehabilitation sollte angestrebt werden, weil die Behandlung in gewohnter Umgebung viel effektiver ist. Es sollte Bewegung so gezeigt, werden, dass sie Spaß macht. Die Bildung von Gruppen fördert zusätzlich die Motivation. Gruppendynamiken entstehen wenn es regional ist leichter (Phase 3). Ergänzend helfen Atemtherapie und psychologische Betreuung. Es ist wichtig, zu zeigen, dass es nicht so schlimm ist, und dass man immer etwas tun kann. Vor allem hat die ambulante Reha auch eine Langzeit-Therapie als Ziel, so dass das Erlernte gefestigt werden kann. Die Zeit des körperlichen Trainings sollte im Alltag eingebaut werden.

In der Phase 4 einer solchen Langzeit-Rehabilitation steht das lebenslange Training. Es ist extrem wichtig, dass die Aktivitäten beibehalten werden. Ziel ist es neue Strategie zu erarbeiten wie Bewegung im Alltag integriert werden kann, so dass insgesamt auch der Alltag erleichtert wird.

Wie merke ich wenn es zu viel ist – und wie merke ich es rechtzeitig?

Depression und Antriebsschwäche sind leider Nebenwirkungen der COPD. Für viele PatientInnen ist es schwierig „in die Gänge“ zu kommen“. Hier ist es wichtig, diese PatientInnen zu mobilisieren. Dabei ist es nötig darauf zu achten, dass Langsamkeit und das Nicht-Überfordern viel mehr und nachhaltiger zum Ziel führen. Das ist besonders für Menschen mit COPD wichtig.

Wie erkenne ich ein Zuviel?

Hier hilft es die Trainings-Herzfrequenz herausfinden. Für das Training wird dann die Borg-Skala (Bewegungs- und Belastungsskala – modifiziert) herangezogen und zwischen Borg 11 und 13 trainiert. Die ist sehr leicht bis etwas anstrengend. Ein Tipp ist auch das Anpassen der Bewegung, wenn es von einer flachen Strecke zu einem Anstieg kommt, den Weg statt gerade aus im Tempo anzupassen und zum Beispiel den Weg in Serpentinen zu gehen um eine Exacerbation*) zu vermeiden.

Zur Borg-Skala: https://de.wikipedia.org/wiki/Belastungsempfinden  oder https://www.atemmuskeltraining.com/de/patienten/stenoseatmung/borg-skala

*) Unter Exazerbation versteht man die deutliche Verschlimmerung der Symptome einer bereits bestehenden, in der Regel chronischen Erkrankung. Tritt die Verschlimmerung plötzlich auf, spricht man von akuter Exazerbation. Exazerbation und Remission sind gegenläufige Phasen eines Krankheitsverlaufs. Quelle Doc Check

Was kann man falsch machen bei Bewegung?

Bewegung ist dann falsch wenn, keine Bewegung oder zu viel Bewegung stattfindet.

Die Freude an der Bewegung ist wichtig. Die Umsetzung der individuellen körperlichen Bewegung erlernen und dann ins Leben implementieren. Um herauszufinden wo die optimale Belastung liegt werden die Patienten „ergometriert“. (Fahrrad-Ergometer-Training bzw. Spiroergometrie) Anhand dieser Daten werden auch bei Spitzensportlern Trainingspläne erstellt. Ein Training im richtigen Bereich hat anti-entzündliche Effekte. So bleibt die Lungenkrankheit stabil. Empfehlung ist eine Kombination von Medikamenten und Bewegung)

Geschieht eine Senkung der Infekt-Anfälligkeit durch Bewegung?

Die Muskulatur spielt in der westlichen Medizin kaum eine Rolle. Doch sie ist total wichtig. Wenn dieses „Riesenorgan“ (Anm. die Muskulatur) gepflegt ist, dann verbrennt sie Schlackenstoffe und Abbau-Produkte im Körper und hält den Stoffwechsel in Schwung. Das Sexualhormon wird erhöht was die Regeneration auslöst. (Min. 14)

Ergänzende Artikel zum Thema Hormone und Sport

https://www.css.ch/de/privatkunden/meine-gesundheit/bewegung/fitness-bewegungstipps/hormone-bei-bewegung.html
https://www.kuebler-sport.de/blog/fuenf-gruende-warum-sport-gluecklich-macht/

Kann ich mit Bewegung meine Atemleistung verbessern?

Die Lungenfunktion wird vor allem durch Medikamente verbessert. In der Reha wird zum Beispiel auch geschult, wie die Medikamente genommen werden sollen. Dieses bewirkt die Öffnung der Bronchien.

Dazu helfen Atem-Muskel-Training, das Entblähen der Lunge und besonders die Nasenatmung.

Das Entstehen einer Dyspnoe kann man durch Atem-Muskeltaining schon nach 2-3 Wochen (!) verbessern. Einkaufen gehen und Stiegen steigen wird wieder möglich – eine enorme Erleichterung für den Alltag von PatientInnen.

Es geschieht eine objektive und subjektive Verbesserung durch Bewegung und Training.

Durch Training wird eine Steigerung der Atemkraft von 80 bis 100% möglich, weil die Atemmuskulatur oft sehr schlecht trainiert ist. Die Aktivierung der Atemhilfsmuskulatur wird auch bei Spitzensportlern gemacht, wo auch bis zu 10% Steigerung möglich wird.

Das subjektive Empfinden bringt Glückshormone => Gehirn wird frei von Gedanken und dann schaffe ich mehr zu tun, was mir gut tut.

Die Wirkung der Sprays ist besser in niedrigeren Stadien der COPD. Hier ist die messbare Wirkung noch höher. Aber der Atemwegswiderstand*) wird durch das Verwenden der Sprays generell verringert und die Atmung dadurch in allen Stadien erleichtert. Leider nehmen nur ca. 30% der PatientInnen ihre Medikamente richtig oder zur richtigen Zeit ein – ist aber ein weltweites Problem bei COPD.

Inhalative Medikamente sollten immer mit einem Spacer bzw. einem Vorschaltgerät eingenommen werden. Einfach eine Verordnung vom Arzt holen. (https://www.atemwegsliga.de/dosieraerosol-spacer.html) So wird das Aerosol effektiver und einfacher in die Lungen gebracht, ohne die Sprays im Mundraum zu verteilen.

*) Als Resistance (Atemwegswiderstand) bezeichnet man den Widerstand, den die Atemluft bei ihrem Fluss durch die Atemwege überwinden muss. Er entsteht hauptsächlich durch den Strömungswiderstand der Atemwege und ist bspw. im Rahmen von obstruktiven Atemwegserkrankungen erhöht. Quelle

Wie nehme ich meine Medikamente „richtig“?

(ca Min. 21) Es gibt keine „Notfall-Medikamente“, also Notfall-Sprays. Diese sollten ein bis zweimal täglich regelmäßig verwenden werden. Die Sprays hatten früher mehr Nebenwirkungen und sind inzwischen viel besser als früher. Bei Langzeitsprays sind die, die ca. 8 Stunden wirken besser als die, die 24 Stunden wirken sollen. Die Langzeitwirkung ist nicht bei allen PatientInnen gleich gut, außerdem gibt es jahreszeitliche Unterschiede (Winter). Das Hauptwirkungsprofil, ist es die die Atemarbeit zu verbessern und somit auch den Aktionsradius der Patienten zu erhöhen und dabei hilft eine regelmäßige Einnahme wie vom Arzt verordnet.

Was wären Symptome für COPD 1 und 2 wo ich reagieren sollte?

Ein Indiz für COPD ist zum Beispiel die „Aha-Symptomatik“ .Atemnot – Husten – Auswurf. Wenn dies auftritt ist die COPD oft schon weit fortgeschritten. Leider ist die COPD inzwischen 40 und weiblich geworden, weil immer mehr junge Frauen rauchen. Die Lungenfunktion ist die einzige Methode, um COPD zu diagnostizieren. Dr. Puelacher empfiehlt allen Rauchern zumindest einmal pro Jahr zum Lungenfacharzt zu gehen.

Macht es Sinn zu rauchen?

„Drogen zu nehmen ist in der Gesellschaft „völlig normal“ deshalb ist man kein „schlimmer Mensch“ sagt Dr. Puelacher und ich gebe ihm recht. Für ihn geht es darum den Menschen Exit-Strategien anzubieten. Gemeinsam mit den Menschen Alternativen finden um nicht nur etwas weg zu nehmen, sondern auch eine bessere Alternative zu suchen.

=> Was ist mein Nutzen, wenn ich das aufgeben möchte.

Was kann passieren, wenn ich mich gar nicht mehr bewege?

Das Problem ist dass bei Atemnot Bewegung unangenehm wird. Wenn Bewegung zu anstrengend wird, dann wird sie eingeschränkt, der Lebensstil reduzierter.

Sarkopenie*) ist zu beobachten, je stärker die COPD ausgeprägt ist. Umso weniger Muskeln hat man umso weniger bewegt man hat. Aber aufgrund des Mangels an Muskulatur wird der Stoffwechsel langsam, das macht müde und depressiv. Man wird unausgeglichen. Das führt zu mehr Zigarettenkonsum (oder anderen Drogen) Es ist eine Spirale nach unten. Wenn man Menschen etwas „anschafft“ hilft das wenig, doch die Beobachtung von Dr. Puelacher ist, dass man COPD-Patienten bitten kann, zB. mehr auf sich zu achten, oft wird den Bitten dann gerne nachgekommen.

*) Sarkopenie PDF und https://www.netdoktor.at/krankheiten/sarkopenie/

Schwimmen mit COPD – sinnvoll und gesund?

Die Frage ist oft nicht, ob die Menschen schwimmen wollen, sondern ob sie schwimmen können. Wenn man akut krank ist, könnte man sich auch verkühlen. Wenn man überhaupt Schwimmen kann/mag, ist es gut, wenn man sich im Wasser mit Hilfsmitteln (Schwimmnudeln 1x vom Rücken, 1x vom Brustkorb wie Schwimmreifen) hängen lässt. Durch den Druck des Wassers auf den Brustkorb wird die Ausatmung unterstützt. Wenn man Schleim produziert und spucken müsste ist es wichtig, dass man die Medikamente nimmt. Bewegung hilft generell und wenn es Freude macht, ist schwimmen auch gut.

Sehr gute Erfahrungen gibt es mit dem Aufenthalt in der Bio-Sauna oder Dampfkammer (!!! unbedingt auf Sauberkeit achten) weil der Dampf hilft den Schleim zu lösen und besser atmen zu können.

Nach jeder körperlichen Aktivität ist es sehr wichtig auf Ruhe zu achten, um dem Körper Zeit für Regeneration zu geben.

Die Wichtigkeit der Nasenatmung

Grundregel: die Nase zum Atmen, der Mund zum Essen

Bei der Nasenatmung werden Gase aufgenommen, die den Lungendruck regeln (Blutdruck im Lungenkreislauf) Solange man durch die Nase atmen kann, also bitte unbedingt durch die Nase atmen. Die Mundatmung sollte man nur dann verwenden, wenn man vor einem Säbelzahntiger weglaufen muss. Also: Mundatmung nur im Notfall

Bei Nasenatmung ist eine Überblähung und Überlastung der Lungen fast nicht möglich. Zudem steigert sich die Leistungsfähigkeit (und Lebensfreude)

Wie ist das mit dem Geschlechtsverkehr?

COPD Patienten haben das große Problem, dass sie sehr sensibel sind, aber kaum gelobt werden.“ Es sollte daher ein ausreichendes Maß an Lob gegeben werden. Körperliche Berührung ist oft schon sehr beruhigend und extrem angenehm. Eine Herunter-Regulierung wird schon durch Spüren der Körperwärme möglich.
Die Lunge überbläht sich bei körperlicher Belastung stark, weshalb Sex oft nicht als angenehm empfunden wird. Oft ist es mehr das Problem des Partners als des/r PatientIn. Darum ist es wichtig, sich zu überlegen, wie das ganze angenehm für beide werden kann. Die Frage: ist das angenehm, ist das machbar?

Bridging-Empfehlung (Überbrückung oder Wechsel) wenn man keinen Partner hat: Massagen wie z.B. Shiatsu, Massagen, Physiotherapie, sanfte Techniken, die zur Tiefenentspannung führen. Die braucht der Körper für Regeneration. Und ein regenerierter Körper hat die Kraft und die Möglichkeiten überhaupt gute Entscheidungen für sich selbst treffen zu können.

Schlussworte von Hr. Dr. Puelacher: Nicht vergessen: „Es gibt auch noch ein Leben vor dem Tode!“

Hier geht es zum Video

Dr. Christoph Puelacher - Lunge bewegt

Dr. Christoph Puelacher - Lunge bewegt

Herr Dr. Puelacher ist FA für Lungenerkrankungen, Schlafmedizin, Umweltmedizin, Geschäftsführer und ärztlicher Leiter Reha Innsbruck und Schlaflabor Telfs

Website https://www.reha-innsbruck.at/
Schlaflabor https://www.schnarchen.cc/ (im Aufbau)

Zur Expertenseite von Lunge bewegt: https://lungebewegt.at/puelacher/

 

Das Projekt

Alles hat mit einer Idee angefangen, daraus wurde ein Online-Event und mit Mai 2022 beginn die Geschichte von Lunge bewegt.
Mein Ziel: Information – Mobilisation – Motivation
Bewegen ist Leben – egal wie langsam, egal wie wenig aktuell möglich ist – sie erhöht die Lebensqualität und krank-sein ist schon mühsam genug! – Es beginnt mit dem ersten Schritt! Komm in Bewegung!

21 Interview zum Thema: Gesunde Bewegung für Menschen mit Lungenkrankheiten sind entstanden. In der Zeit wurden auch Bonusvideos mit Übungen und Anleitungen kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Videos sind gekommen um zu bleiben. Auf der Website kannst du dir die Inhalte weiterhin kostenlos ansehen.

Im Laufe der nächsten 10 bis 12 Monate werden alle Interviews auch im Blog zu Lunge bewegt veröffentlicht. Melde dich ganz einfach zum Newsletter an, wenn du nichts versäumen willst.  Aktuell überlege ich zwischen den Interviews auch supersanfte Yoga-Sequenzen zu publizieren und ich habe noch weitere Ideen, über die du so informiert werden kannst.

Lunge Bewegt Online-Event

http://Übungspaket Lunge beweg