Aktuell denke ich über sehr viele Dinge nach. Vor allem darüber was ich machen möchte mit meinem Leben und wer ich sein möchte. Durch meine Krankheit komme ich immer wieder in die Situation, dass ich (wieder einmal) ganz am Anfang stehe – oder zumindest das Gefühl habe, wieder vollständig neu beginnen zu müssen.

Besonders beim Yoga spüre ich das gerade ganz besonders deutlich..

Ich wollte es lange nicht wahrhaben

Wenn ich so zurück denke, habe ich bereits lange vor der Diagnose „chronische Abstoßung“ im April 2017 bemerkt, dass ich immer weniger machen konnte. Mein Körper verlor Kraft und ich wurde rascher müde. Ich bekam weniger Luft und das ganze Leben wurde stückchenweise immer anstrengender. Ich habe das auf alles mögliche geschoben, auf den Stress, die Zeit, zu wenig Schlaf. In Wahrheit ist es jetzt auch egal warum und wie. Ich habe gespürt, dass mein Körper abbaut, und wollte es nicht wahrhaben. Der Prozess des Abbaus hat auch wesentlich länger angedauert, als ich es mir rückblickend eingestehen wollte und will.

Im November 2017 konnte ich dann wirklich kaum noch etwas machen. Ab Dezember schränkte sich mein Bewegungsradius durch den Sauerstoff auf 15 Meter ein und ich habe ich mich auch nicht mehr viel bewegt. Es war einfach zu anstrengend. Die Muskulatur leidet, wenn man sich nicht bewegt und sie nimmt einfach ab. Zusätzlich unterstützen die Medikamente, die ich als transplantierte Patientin nehme, damit das Organ nicht abgestoßen wird, leider diesen Prozess. Man konnte fast zusehen, wie die Muskeln täglich schwächer und dünner wurden.

Wiederaufbau

Die Transplantation, die mir das Leben gerettet hat, (an dieser Stelle muss ich wieder einmal schreiben wie unendlich dankbar ich dafür bin, dass es diese Möglichkeit gibt und ich weiter leben und schreiben darf!) hat dem Körper auch einiges abverlangt. Jetzt bin ich auf dem Weg meinen kampferprobten und zähen Kumpanen auf dieser Reise wieder aufzubauen!

Wiederaufbau ist super, unglaublich wunderbar aber auch anstrengend und manchmal frustrierend…

Beim Gehen und Radfahren (Ergometertraining) fällt es mir nicht so auf. Ich kenne das, man wenn man im Winter weniger gemacht hat und im Frühling wieder startet. Beim Yoga ist es allerdings ganz etwas anderes…

Mein Ego heult

und wie…

Jedesmal, wenn ich ein Video aufdrehe (in Yoga-Klassen gehe ich  wegen der Ansteckungsgefahr noch nicht) und Level 1 oder 2 wähle, nörgelt es zum ersten Mal. Das hab ich inzwischen gut im Griff – schließlich ist es wichtig, sich nicht zu überfordern und es soll ja auch Freude machen!

Bei Level 2 schwitze ich schon ganz schön – vor allem weil ich gerne Vinyasa-Flow-Yoga praktiziere und die Übungsfolgen es ganz schön in sich haben können! 🙂 … und da heult mein kleines Ego dann deutlich auf! Ich stelle es mir vor wie es in einer Ecke sitzt und hollywoodreif heult, motzt und unglaublich unglücklich ist, weil ich es gar nicht gewohnt bin, was ich alles beim Üben von Yoga gerade spüre.

Mir tun z.B. inzwischen/gerade die Handgelenke weh, wenn ich zuviel im Vierfüßer oder herabschauenden Hund bin, ein Vinyasa (Herabschauender Hund, Stütz, Heraufschauender Hund) geht vielleicht ein- oder zweimal, dann bin ich schon in (m)einer Anpassung. Es ist ein Tanz und eine Herausforderung mich nicht frustriert einfach von der Matte zu rollen! Übungen, die mir früher leicht gefallen sind, sind auf einmal anstrengend – ich verstehe mein Ego, wenn es da heult…

Wieder einmal zurück an den Start

In meinem Leben habe ich immer wieder neu beginnen dürfen… Nach der ersten Transplantation, verschiedene persönliche Veränderungen, der Umzug in ein anderes Bundesland, eine neue Partnerschaft, und meine zweite Transplantation. Ich spüre dazu auch sehr deutlich, dass ich keine 30 mehr bin, sondern da ein wunderbarer 4er vor der Null steht.

Zurück in das Level 1 also … buhuuuu!

Erfahrungen als Basis für meinen Yogaunterricht

Ich habe ein lachendes und ein weinendes Auge! Auch wenn es gerade auf vielfache Weise anstrengend ist. In dieser Situation kann ich gerade so viel über mich lernen, über meinen Körper, Yoga und seine Entwicklung. Wie sich (m)ein Körper anfühlt und anfühlen kann, wo überall Muskeln sind, an die ich gar nicht mehr gedacht habe. Es ist mir möglich Zusammenhänge herzustellen und zu beobachten, welche Übungen sich wie genau auf meinen Körper wirken.

Diese Erfahrungen sind eine wahre Goldgrube für mein Yogalehrerinnen-Herz! Aus diesem Erleben heraus kann ich so viel weitergeben! All diese Momente schaffen in mir eine Kompetenz, die wirklich aus meinem Herzen kommt. Herz und Kopf verbinden sich und fügen sich zu etwas ganz Wundervollem zusammen!

Ich stehe am Anfang, aber bin keine Anfängerin mehr. Ich übe Yoga seit 2005 und seit 2008 bin ich Yogalehrerin, zusätzlich habe ich in den letzen 8 Jahren ein enormes Wissen angesammelt was Anpassungen betrifft! Ich habe auch gelernt viel gütiger mit mir selbst zu sein. 🙂 Jetzt kann ich über meine kleinen Schwächen lachen und mich so Schritt für Schritt wieder hinbewegen zu einem „was jetzt möglich ist“. Das macht das Üben und den Wiederaufbau jetzt auf eine gewisse Weise sogar wieder leichter! 🙂

Yoga ist ein Weg

Es liegt immer an uns selbst.

Es liegt daran, wie viel Zeit wir uns nehmen wollen, wie viel Raum wir uns geben und wie viel Geduld wir für uns selbst aufbringen.

Auch mein Ego wird geschult. Diese Zeit ist ebenso herausfordernd wie die Zeit, in der ich auf meine Lunge und damit auf mein Leben gewartet habe. Vielleicht noch mehr, denn es liegt an mir wofür ich mich entscheide. Es liegt an mir wie viel ich trainiere, wie sehr ich mich schone, für welche Art der Yogapraxis ich mich entscheide (ruhig am Abend, Yin, wenn es darum geht dem Körper eine Auszeit zu gönnen, Yang- und Vinyasa-Betont wenn ich spüre, dass es gut ist ihn zu fordern).

Eine Schule der Balance

Ich bin meinem Leben dankbar, dass es mir so viele Möglichkeiten gibt zu wachsen und zu reifen, zu lernen und am „eigenen Leib“ zu erfahren und zu erspüren, denn ich nehme diese Lehren mit. Egal, ob ich diese auf auf der Yogamatte mache oder in meinem sonstigen Leben.

Yoga zu leben bedeutet für mich, so zu leben, dass es mir und meiner Umgebung gut geht und gibt es etwas schöneres als mit sich, seinem Körper, seiner Seele und seinen Lieben im Frieden zu sein?