Wir alle müssen sterben. Das ist so.

Wenn ich so über das Thema nachdenke, so sind wir durch die Nachrichten eigentlich immer mit dem Tod konfrontiert. Bomben, Lawinen, Tsunamis, Attentate, Krieg… aber auch wenn diese Nachrichten etwas in uns berühren, wird die eigene Sterblichkeit nicht in Frage gestellt. Die meisten Menschen denken erst an den Tod wenn sie ihn erleben. Durch Krankheit oder den Tod von nahe-stehenden.

Ich habe mir das erste Mal als Teenager Gedanken darüber gemacht, was ich in der Welt soll und ob mein Tod wohl eine Lücke hinterlassen würde. Später, als es mir gut ging, habe ich gar nicht an den Tod gedacht. Er war im Leben einer zwanzigjährigen einfach nicht existent. Die eigene Sterblichkeit habe ich erst mit meiner Diagnose vor der Nase gehabt. Aber nicht einmal da richtig. Ich habe in der gesamten Zeit vor meiner ersten Lungentransplantation nur an mein Leben, selten an meinen Tod gedacht.

Aber zu dieser Zeit hatte „er“ für mich jeglichen Schrecken verloren.  Wichtig war, wie ich hier und jetzt mit meinem Leben umgehe. 

Als er mir dann ganz nahe kam, habe ich allerdings richtig Angst bekommen.

Er erschreckt einen.

Auch wenn man weiß, dass er kommt.

Doch in diesem Artikel will ich gar nicht über den Tod sprechen, sondern über das Gefühl der Unsterblichkeit.

Wenn es uns gut geht, wenn wir nicht an den Tod denken und er nicht in unserem Leben ist,  leben wir im Gefühl der Unsterblichkeit. Vor allem, wenn wir jung sind ist er sooo weit weg.

Worüber ich heute schreiben will ist das Gefühl unsterblich zu sein, wenn man etwas schreckliches, lebensbedrohliches erlebt hat.

Inspiriert hat mich ein Gespräch mit einer Freundin über Niki Laudas Zustand der im Moment (noch?) nach seiner heiklen Lungentransplantation (LuTX) im August 2018 nach einer Grippe im Krankenhaus auf der Intensivstation liegt. Eine Erkrankung ist kritisch, vor allem im ersten Jahr nach einer LuTX.

Die Frage war, ob es klug war für ihn zu fliegen (dies ist im ersten Jahr normalerweise verboten) und ob er genug aufpassen würde, da er sich vermutlich bei seiner Frau angesteckt hat (haben soll).

Vermutlich ist Niki Lauda zu wenig vorsichtig…

Ich habe sehr wenig Verständnis, wenn jemand nach einer solchen Transplantation auf eine solche Weise sein Leben riskiert.

Aber ich habe auch Verständnis, weil ich ich selbst erlebt habe, wie sich Unsterblichkeit anfühlt…

Als ich zum ersten Mal nach einer herzstärkenden Behandlung (vor der TX) nach Hause kam, hatte ich das Gefühl, ich würde vor Kraft platzen – auch wenn es nicht so war.

Nach meiner Transplantation … wenn man das Gefühl hat, jeden Tag stärker zu werden… wenn man glaubt , man könne seinen Körper kontrollieren…

Unsterblichkeit.

Dieses Gefühl, das man hat, weil man endlich wieder lebt ist unbeschreiblich schön!Alles was man überlebt und überstanden hat …. diese Kraft, diese Lebenskraft, das Leben! Dieses Gefühl das man hat, weil man endlich wieder lebt ist unbeschreiblich schön!

Ich glaube,dass man es geistig gar nicht so fassen kann, was da gerade passiert ist.

Am 10. Jänner war es genau ein halbes Jahr her, dass ich die OP hatte, und ich merke, dass mit der Lebenskraft sich manchmal auch eine gewisse Unbedarftheit einstellt. Das Gefühl, dass ich los-lassen kann oder darf…

Dieses Gefühl ist wie ein Glücksrausch!

Kein Wunder, dass man da leichtsinnig werden kann.

Wieder zu leben, wieder zu Atmen, sich wieder frei bewegen zu können – das ist berauschend.

Ich fühle mich frei, lebendig, wundervoll!

Unsterblich!

doch ich habe auch gelernt, dass dieses Gefühl trügt. Es ist ein Drogen-Rausch…

Es sind Gefühle.

Sie sind wundervoll, aber sie sind nicht echt.

Als Transplantierter Mensch habe ich die Verantwortung, verantwortlich zu sein.

Es ist, als wäre ich ein Kind und ein Erwachsener gleichzeitig.

Ich strebe danach loszulaufen und weiß gleichzeitig um die Gefahren die mich erwarten, wenn ich nicht aufpasse.

Innerlich zerrissen .. unsterblich … frei und verspielt und besorgt…

Wer würde sich nicht für unsterblich und frei entscheiden?

Als ich nach der ersten TX wieder ins Leben kam, habe ich mich gefühlt, als wäre ich ganz neu geboren, bzw. wie ein Kleinkind… Ich musste mich so vollkommen neu kennen lernen, viele meiner Reaktionen auf die Sonne, das Wetter, Essen waren sehr unterschiedlich zu früher.

Jetzt bin ich quasi „erwachsen“ als transplantierte, doch ich spüre nach wie vor diese Lebensfreude, diese Lust am Leben und am Sein, die mich verführt, die mich lockt gedankenlos zu sein und mich hinein zu stürzen…

Es gibt ein dazwischen, es gibt eine Weise zu sein, zu leben, sich frei zu fühlen und trotzdem so achtsam zu sein, wie es nötig ist als TX-PatientIn.

Man lernt es, wenn man lernt demütig zu sein vor dem, was man nicht kennt. Wenn man lernt „ihn“ in seinem Leben zu akzeptieren. Näher, als er vielen ist, und doch, wie bei allen nur ein Begleiter und ein Versprechen, das uns gegeben wurde, als wir das erste Mal eingeatmet haben.

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