Aber deshalb ist doch nicht alles kaputt…
Warum wir uns Fehler so schwer verzeihen, was unsere Gedanken damit zu tun haben und wie Selbstmitgefühl helfen kann.
Aus Fehlern wird man klug, deshalb ist einer nicht genug. Diesen Spruch hatte ich früher als Sticker auf meinem Mathematikheft. Er war aus einem Mickey-Mouse-Heft und ich fand ihn damals ziemlich lustig. Fehler habe ich allerdings schon damals nicht besonders gern gemacht. Und jetzt ist mir ein Fehler passiert, der mich mehr beschäftigt hat, als ich erwartet hätte.
Ich hatte die Aufzeichnung vergessen
Vor ein paar Tagen ist mir das erste Mal passiert, dass ich bei einem Podcast-Interview völlig vergessen habe, auf „Aufnahme“ zur drücken. Der Tag war ungeplant mega anstrengend gewesen und ich war irgendwie aufgeregt. Wir hatten bereits ca 30 Minuten mit einander gesprochen, als es mir auf einmal auffiel – mein Gesicht muss mir völlig entglitten sein. Mir wurde heiß und ich wäre am liebsten im Boden versunken – außerdem war das Gespräch gerade an einem grandiosen Punkt….
Ich sagt dir – ich kann dir gar nicht sagen was alles für Gefühle da aufgetaucht sind.
Zeit war auch keine mehr und dann ein „spontanes“ Gespräch neu zu beginnen… das klappt einfach nicht.
Ina Rudolf, mit der ich das Gespräch geführt hatte war total cool. Natürlich nicht glücklich, aber wir haben beide festgestellt, dass es besser wäre sich gleich einen neuen Termin auszumachen, der dann auch schnell gefunden war zum Glück!
In meinem. Kopf war trotzdem ein Stimme die ungefähr so klang: was bist du für eine Podcasterin?! So unprofessionell! Schau dich an, 170 Folgen und du bist noch immer nicht professionell genug! Der eine kleine Fehler hat gereicht, dass diese Stimme mich total fertig machen .. wollte – nicht konnte.
Ich hab wirklich gut reagiert – souverän, liebevoll und so entspannt wie möglich.
Die Strategie dieser Stimme hat sich dann geändert: Tsssss. Du nimmst den Fehler aber locker! Ist dir deine Arbeit denn nicht wichtig? Ist es dir denn völlig egal, was andere über dich denken?! Du solltest wesentlich zerknirschter sein, findest du nicht?
Auch das hat mich ziemlich überrascht. Sollte ich mich nicht wirklich schlechter fühlen?
Also mich nicht fertig machen, aber auch nicht so schnell drüber hinweg kommen!
So ist diese Podcastfolge geboren worden. Ich dachte mir nämlich: vielleicht kennst du das auch.
Wenn ein Fehler .. klein oder groß ist jetzt eigentlich nebensächlich sofort in uns auslöst, dass wir unser Kompetenz ganz generell in Frage stellen, was macht das mit uns? Und wenn wir dann gut damit umgehen, Lösungen finden und weiter machen, dann passt es aber auch nicht?
Das hat mich interessiert und das ist was ich herausgefunden habe
Was in unserem Kopf bei einem Fehler passiert
Unser Gehirn schenkt negativen Ereignissen meist mehr Aufmerksamkeit als positiven. Die Psychologie nennt das „Negativitätsbias“. Vielleicht kennst du das: Du bekommst 50 positive Kommentare und einen negativen.
Welcher bleibt dir besonders in Erinnerung? Häufig ist es ausgerechnet der negative Kommentar!
Bei mir waren es 170 aufgenommene Podcastfolgen und eine bei der ich vergessen hatte aufzunehmen und schon ging der Zirkus in meinem Kopf los
Alles meine Affen?
In der Psychologie gibt es dafür den Begriff Übergeneralisierung.
Wir übertragen eine einzelne Erfahrung auf unsere gesamte Person oder unsere Fähigkeiten. Aus einem verbrannten Essen wird: „Du kannst nicht kochen“. Aus einem vergessenen Termin wird die Überzeugung, dass wir unzuverlässig sind.
Dabei reagieren wir bei anderen Menschen meist ganz anders! Wenn einer Freundin etwas herunterfällt, halten wir sie deshalb nicht gleich für unfähig. Wenn jemand etwas vergisst, stellen wir nicht automatisch seine gesamte Kompetenz infrage.
Warum sind wir dann ausgerechnet mit uns selbst so streng?
Dann gibt es noch den Unterschied zwischen Schuldgefühl und Scham.
Bei einem Schuldgefühl steht unser Verhalten im Mittelpunkt: Ich habe etwas falsch gemacht. Bei Scham kann daraus eine viel grundsätzlichere Bewertung entstehen: Ich bin falsch oder nicht gut genug. Und genau dort wird es schwierig, weil wir dann nicht mehr nur unseren Fehler betrachten, sondern unseren eigenen Wert infrage stellen.
Schäm dich! Das kannst du nie wieder gut machen!
Was zusätzlich aus den Tiefen meines Unterbewusstseins gekrochen ist war dann noch die ziemlich heftige Erkenntnis dass in mir der Glaubenssatz läuft „Wenn du einen Fehler machst, ist alles kaputt.“ 😵💫
Da hab ich ganz schön geschaut!
Es war dann nicht nur so, das ich an mir als Podcasterin gezweifelt habe – ich machte mir sogar Sorgen, dass Ina, meine Interviewpartnerin, beim zweiten Termin einfach nicht mehr auftauchen würde, weil sie mich durch diesen Fehler für völlig unprofessionell halten würde.
Interessant dabei ist, dass wir unsere Reaktionen auf Fehler auch durch frühere Erfahrungen lernen können.
Werden Fehler wiederholt mit Kritik, Beschämung, Ablehnung oder Liebesentzug verbunden, kann daraus eine besondere Wachsamkeit entstehen. Wir versuchen dann möglicherweise, möglichst alles richtig zu machen, um unangenehme Konsequenzen zu vermeiden.
.. ich kenne das leider nur zu gut.
Mich beruhigt immer dass ich nicht allein bin – es gibt eine psychologische Forschung zur Sicherheit in zwischenmenschlichen Situationen die zeigt, wie wichtig der Umgang mit Fehlern ist.
Die Forscherin Amy Edmondson beschäftigt sich beispielsweise mit psychologischer Sicherheit, insbesondere in Teams. Menschen können offener über Fehler sprechen und daraus lernen, wenn sie keine Demütigung oder Bestrafung befürchten müssen.
Ich finde diesen Gedanken auch für unser persönliches Leben total wichtig!
Wie sicher fühlen wir uns, wenn wir einen Fehler machen? Dürfen wir etwas falsch machen, ohne dass gleich die ganze Beziehung oder unser Wert infrage steht?
Ich hatte ja die Lösung längst gefunden, der neue Termin war vereinbart, wir hatten uns ganz normal verabschiedet… Trotzdem war da bis zum letzten Moment diese Sorge, dass sie vielleicht nicht kommen würde. 🫣
Was dann passiert ist war so richtig klassisch – heute kann ich lachen, aber ich bin versunken!
Natürlich war ich fünf Minuten vor dem Termin im Zoom-Raum – ich hatte diesmal die Aufnahme bereits gestartet.
Aber meine Interviewpartnerin erschien nicht.
Kannst du dir mein Kopfkino vorstellen?
Instant waren alle Befürchtungen total präsent.
Dann schaute ich in die Mail – da war eines von ihr, sie wäre schon im Zoom-Raum!
Wie konnte das sein? Da war ich doch auch!!
Die Lösung – ich hab ja doch schon einige Erfahrungen mit Zoom.. Beim Kopieren des Termins wurde von zoom einfach ein neuer Raum geöffnet – in dem hatte ich gewartet – sie war im alten. .. Also saßen und warteten wir einfach an unterschiedlichen Orten.
.. Das zweite Gespräch war dann ganz anders als das erste aber auch ganz wunderbar!
Heute kann ich darüber lachen. In diesem Moment hat es sich allerdings überhaupt nicht lustig angefühlt.
Ich habe wieder einmal am eigenen Laib erfahren dürfen, wie unglaublich real es sich anfühlt, wenn unsere Gedanken uns Geschichten erzählen.
Wir wissen es ja nicht, aber wir stellen uns vor, wie andere reagieren werden – und vor allem was sie denken .. und erleben so die Angst vor dieser möglichen Reaktion. Dabei wissen wir gar nicht, was der andere tatsächlich denkt!
Mir wurde bewusst, dass ich nicht nur auf meinen Fehler reagiert hatte. Ich hatte auf all die Konsequenzen reagiert, die ich persönlich mit diesem Fehler verbunden hatte.
Verantwortung übernehmen oder sich selbst bestrafen?
Wenn wir einen Fehler machen, können wir Verantwortung dafür übernehmen oder uns in Selbstvorwürfen verlieren. Und ich kann dir sagen, ich war lange Zeit die Queen der Selbstvorwürfe. Ich konnte mich stundenlang, manchmal sogar tage- wochen und monatelang mit einem Fehler beschäftigen.
Manchmal habe ich geglaubt, dass der andere sich weniger ärgert, wenn ich mich selbst nur ordentlich dafür bestrafe. Kennst du? Doch unser Gegenüber hat ja meistens ganz andere Dinge im Kopf – und so wie wir auch nachsichtiger sind mit den Fehler anderer Menschen… können auch andere dem andern Fehler besser verzeihen als sich selbst.
Verantwortung zu übernehmen bedeutet also, anzuerkennen, was passiert ist. Man kann sich entschuldigen, eine Lösung suchen und es beim nächsten Mal anders – oder besser zu machen. Abwerten müssen wir uns deshalb für unsere Fehler aber nicht. Ich lerne das gerade.
Wer weiß wozu es gut ist..
Den Satz sag ich zwar auch oft, aber naja.. nicht jeder Fehler hat auch etwas Gutes.
Manche Fehler sind einfach blöd, kosten Zeit oder haben unangenehme Konsequenzen. Ich finde auch nicht, dass wir aus jedem Fehler unbedingt eine große Lebensweisheit gewinnen müssen. Manchmal lernen wir einfach, beim nächsten Mal besser aufzupassen.
In meinem Fall hängt jetzt ein Zettel neben meinem Computer, auf dem „Aufnahme drücken“ steht – ich denke aber dass meine Strategie einfach automatisch die Aufzeichnung zu starten wenn das Meeting live geht besser – einfach nicht daran denken müssen 😎
und ich lerne auch: noch liebevoller und verständnisvoller mit mir selbst umzugehen, wenn mir ein Hoppala oder Fehler passiert.
Selbstmitgefühl bedeutet nicht, dass es uns egal ist
Die Psychologin Kristin Neff beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Selbstmitgefühl. Sie beschreibt drei wesentliche Bestandteile: Selbstfreundlichkeit, das Bewusstsein unserer gemeinsamen Menschlichkeit und Achtsamkeit.
Selbstfreundlichkeit bedeutet, uns in schwierigen Momenten nicht zusätzlich mit harter Kritik zu verletzen. Sie erinnert uns daran, dass Fehler, Unsicherheit und schwierige Erfahrungen zum Menschsein gehören. Achtsamkeit hilft uns, unangenehme Gefühle wahrzunehmen, ohne uns vollständig von ihnen mitreißen zu lassen.
Das Spannende daran ist, dass Selbstmitgefühl nicht bedeutet, Fehler zu ignorieren oder sich alles durchgehen zu lassen. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und trotzdem freundlich mit sich selbst zu bleiben.
Ich beschäftige mich schon lange mit Selfcare und Selbstliebe. Trotzdem merke ich immer wieder, wie leicht es ist, diese Freundlichkeit anderen zu schenken und sie sich selbst zu verweigern. Einer Freundin würde ich wahrscheinlich sagen, dass so etwas passieren kann. Ich würde sie trösten und mit ihr nach einer Lösung suchen. Warum sollte ich nicht auch mit mir selbst so umgehen? Fehler begleiten mich schon länger 😅 Warum ich es liebe, Fehler zu machen!
Es ist sicherlich sinnvoller, unsere Energie in Lösungen zu investieren, statt uns stundenlang selbst zu geißeln. Denn der Fehler wird durch Selbstvorwürfe nicht rückgängig gemacht. Wir machen uns damit nur zusätzlich das Leben schwer.
Ahimsa und Svadhyaya – was Yoga mit unseren Fehlern zu tun hat
Alsl Yogalehrerin, habe ich natürlich auch über die yogische Gedankenwelt hinter diesem Thema nachgedacht. Zwei Begriffe passen für mich besonders gut dazu: Ahimsa und Svadhyaya.
Ahimsa bedeutet Gewaltlosigkeit oder Nicht-Verletzen und ist das erste der fünf Yamas im Yoga. Dabei geht es für mich nicht nur darum, anderen Menschen keinen Schaden zuzufügen. Es geht auch darum, wie ich mit mir selbst spreche und welche Gedanken ich über mich pflege.
Die eigenen Worte können ziemlich grausslich sein. Wie oft beschimpfen wir uns innerlich für Dinge, bei denen wir anderen Menschen längst verziehen hätten? 🫣 Gewaltlosigkeit beginnt für mich auch in der Beziehung zu mir selbst.
Svadhyaya bedeutet Selbsterforschung oder Selbststudium. Statt meine Reaktion auf einen Fehler gleich wieder zu verurteilen, kann ich neugierig werden. Warum trifft mich dieser Fehler so tief? Welche Geschichte erzähle ich mir gerade über mich selbst? Und ist diese Geschichte überhaupt wahr?
Gerade diese letzte Frage beschäftigt mich immer wieder. Denn vieles, was wir über uns glauben, ist nicht unbedingt eine objektive Wahrheit. Manches haben wir irgendwann gelernt und nie wieder hinterfragt.
Auch auf der Yogamatte begegnet mir dieses Thema ständig. Wenn ich Yoga unterrichte, sage ich meinen Schülerinnen gern: „Wackeln und Stolpern erlaubt!“ Wenn du umfällst, stehst du einfach wieder auf. Es geht nicht darum, wie die Übung von außen aussieht. Viel wichtiger ist, wie du dich darin fühlst und wahrnimmst.
Die Yogamatte ist unser Labor für das echte Leben. Und inzwischen denke ich mir, dass auch das echte Leben ein Labor für die Yogamatte sein kann. Denn auf der Yogamatte bin ich mit mir selbst oft wesentlich weniger streng als im Alltag. Vielleicht darf ich genau diese Gelassenheit auch dann üben, wenn ich wieder einmal vergesse, auf ein Knöpfchen zu drücken.
Fehler machen und trotzdem wertvoll sein
Natürlich bin ich froh, dass alles gut ausgegangen ist. Das zweite Interview war wunderbar und du wirst es demnächst im Krisenfest-Podcast hören können. Welches der beiden Gespräche besser gewesen wäre .. das darf ich loslassen. Es gibt jetzt eben dieses eine.
Ich glaube nicht, dass ich mich beim nächsten Fehler überhaupt nicht mehr ärgern werde. Wer macht schon gern so einen Fehler!? Aber es gelingt mir sicher, meine Gedanken wieder etwas schneller zurückzuholen – und ich denke das ist „Leben lernen“.
Ich kann mich daran erinnern, dass ich nicht alles kaputt gemacht habe, nur weil mir ein Fehler passiert ist. Ich kann Verantwortung übernehmen, eine Lösung finden und irgendwann auch wieder loslassen.
Meine Oma hat immer gesagt: „Guat is g’angen, nix ist g’schehen.!“ Daran möchte ich in Zukunft öfter denken, wenn mir wieder einmal ein Hoppala passiert. (Danke Oma! Hab dich lieb! 🖤)
Vielleicht magst du dich beim nächsten Fehler auch beobachten, wie du gerade mit dir selbst sprichst.
Und dann frage dich: Würdest du mit einem Menschen, den du liebst, genauso umgehen? Und könntest du dir selbst ein bisschen mehr Freundlichkeit schenken?
Fehlermachen ist nicht schön, aber es ist erlaubt. Wir sind Menschen und Fehler ändern nichts an unserem Wert.
Auch das macht uns krisenfest: wie wir mit den Fehlern umgehen, die uns passieren.
Und manchmal ist es eben einfach so: Shit happens.
Namaste, deine Rani.

