Andreas Altmannsberger über seinen Weg, unerfüllte Bedürfnisse und die Frage, ob Essen Belohnung oder Trost ist.

 

Emotionales Essen – Belohnung oder Trost?

„Kennst du das, wenn dein Tag eine Katastrophe war und du am Abend dich einfach auf die Couch platzt und da ist die Tafel Schokolade oder die Packung Chips?“ Mit dieser Frage beginne ich die  neue Folge meines Krisenfest-Podcasts.

Mein Gast ist Andreas Altmannsberger. Heute ist er Coach für emotionale Resilienz und Selbstführung und beschäftigt sich vor allem mit emotionalem Essen. Ich habe ihn aber vor allem eingeladen, über seine Geschichte zu sprechen. Was hat er erlebt? Wie ist er damit umgegangen? Und was hat ihm schlussendlich geholfen?

„Es war eine besondere Folge für mich, weil ich zum ersten Mal auch verstanden habe, wie oft ich eigentlich auch emotionales Essen anwende, um mich für einen überlebten Tag zu belohnen. Hinkünftig werde ich anders drüber denken.“

„Ich bin das dicke Kind“

Andreas erzählt, dass seine Identität schon in seiner Kindheit von seinem Gewicht geprägt war.

„Also ich hatte schon in der Kindheit und in der Jugend immer den Gedanken, ich bin das dicke Kind. Ich bin der Unsportliche und das sind nette Wörter, die ich zu mir selber gesagt habe.“

Er wurde in der Schule wegen seines Gewichts gemobbt, zog sich zurück und verbrachte seine Jugend viel vor dem Computer. Mit ungefähr 16 Jahren gab es einen Moment, der ihn beinahe wachgerüttelt hätte. Nach der Schule saß er vor dem Fernseher und schaute „Die himmlische Familie“. Dazu hatte er sich drei Schokoladencroissants und eine Schokoladenmilch gekauft.

Als die Serie vorbei war, sah er die Krümel und die leere Tüte.

„Und ich springe so aus dem Bett und denke mir, was mache ich hier eigentlich? Wieso esse ich so viel?“

Aber am nächsten Tag war wieder alles wie vorher. Erst ungefähr neun Jahre später, mit Mitte 20, kam ein weiterer Moment. Andreas hatte damals sein Höchstgewicht von 135 Kilogramm erreicht. Sein Schlüsselerlebnis: er konnte seine Zehenspitzen nicht mehr sehen, wenn er an sich hinunterschaute.

„Und da habe ich gesagt, so fett wie heute werde ich nie wieder sein.“

Mit viel Disziplin – zum Jo-Jo-Effekt

Andreas begann, viel Sport zu machen und von allem nur noch die Hälfte zu essen. Er nahm von 135 auf ungefähr 105 Kilogramm ab. Er gewann Selbstbewusstsein, lernte eine Partnerin kennen und zog um, aber sein Gewicht blieb nicht stabil.

„Und dann bin ich wieder in alte Muster verfallen. Also das, was mich vorher motiviert hat oder angetrieben hat, das ist dann weggefallen.“

Es kamen mehr Verantwortung, Stress in der Arbeit und ein längerer Arbeitsweg dazu. Andreas versuchte wieder, durch Ernährung und Sport abzunehmen. Und dann nahm er wieder zu.

„Und irgendwann habe ich mir gedacht, das kann doch nicht sein. Also was fehlt denn noch? Ich kümmere mich doch schon irgendwie um Ernährung. Ich mache doch schon Sport, so wie es halt jetzt für mich möglich ist. Was fehlt denn da noch?“

Harmoniebedürfnis aus Angst vor Konflikten

Andreas begann, sich mit Persönlichkeitsentwicklung zu beschäftigen. Er erkannte, dass er immer versucht hatte, für alles verantwortlich zu sein.

„Ich muss das alles schaffen. Da habe ich felsenfest dran geglaubt.“

Als Projektleiter hatte er viel Verantwortung übernommen. Auch wenn etwas nicht gut lief, versuchte er, es irgendwie noch zu retten, anstatt schwierige Gespräche zu führen und auch privat fiel es ihm schwer, für seine Bedürfnisse einzustehen. Im Vorgespräch hatte er mir erzählt, dass er immer versucht hatte, das sinkende Schiff noch zu retten.:

„Das heißt, du hast eigentlich versucht, alles zu halten, alles zu tragen und so eigentlich eine trügerische Harmonie herzustellen.“ War meine Frage – ich kenne das Muster leider nur zu gut. Andreas erkannte irgendwann, dass er von sich verlangte sich immer mehr anzustrengen, damit Beziehungen funktionieren..  und dass diese Anstrengung den Druck erzeugte, den er später mit Essen regulierte.

„Ich hatte Angst vor Wut“

Auch das kenne ich nur zu gut – Andreas erkennt im Gespräch, dass eine Hürde die Angst vor seiner eigenen Wut war.

„Ich hatte Angst vor Wut, wirklich wütend zu sein.“

Er erzählt von einer Auseinandersetzung mit seiner Vermieterin, bei der es ihm schwerfiel, seinen Standpunkt zu vertreten. Die Arbeit an isch selbst führt ihn auch zu einer Kakao-Zeremonit und dort kam die ganze angestaute Wut hoch – und er konnte sie zulassen – und dausdrücken! Er lacht heute darüber, die anderen TeilnehmerInnen erschrocken zu haben.

„Und nachdem dieser Wutknoten mal so richtig gelöst wurde, war da nur noch pure Freude.“

Diese Erfahrung veränderte auch seinen Alltag. Es begann ihm leichter zu fallen,  Nein zu sagen, seine Meinung auszusprechen und für seine Bedürfnisse einzustehen.

„Also stärker auf mich zu hören, was ist mir denn jetzt wichtig und was sind meine Bedürfnisse? Und wie schaffe ich es, die authentisch zu kommunizieren und dafür einzustehen?“

Was hat das alles mit emotionalem Essen zu tun?

Im Gespräch wollte ich von Andreas wissen, welchen Zusammenhang er zwischen seinem Essverhalten und dieser inneren Arbeit erkannt hatte.

„Der Zusammenhang, den ich festgestellt habe und den ich jetzt auch im Coaching immer weitergebe und dann von meinen Klienten auch bestätigt sehe, ist, dass das Essen ein Weg für mich war, um Belastungen zu regulieren, zu reduzieren, um mir was Gutes zu tun.“

Andreas hatte lange gedacht, er würde sich mit Essen belohnen, aber er erkannte, dass er damit häufig belastende Gefühle regulierte, die entstanden waren, weil er nicht für seine Bedürfnisse eingestanden war – das half ihm mit der Zeit sein Essverhalten zu verändern. Er bemerkte, dass er nicht mehr ständig zur Cafeteria ging und dass er abends auch eine Handvoll Chips genießen konnte, ohne die ganze Packung zu essen. Er betont heut: es war kein einzelner Moment, sondern ein Prozess.

Ist Essen Belohnung oder Trost?

Ich kenne das so gut – nach einem langen Tag, wenn ich müde bin, nehm ich mir meine kleine Schüssel Chips. Diese Belohnung wartet auch mich – und manchmal auch ein Glas Wein – Belohnen ist doch aber auch etwas Gutes? Oder? Andreas stimmt mir zu, dass Belohnung etwas Gutes sein kann, aber er stellt eine Unterscheidung vor:

„Und ob es eine Belohnung ist von Yes, ich habe was geschafft oder ist es eine Belohnung von Ich habe den Tag überstanden.“

Ist es das Bedürfnis, sich zu belohnen oder das Bedürfnis, sich zu trösten?  Andreas legt den Fokus auf den Wunsch dahinter: Wenn wir uns nach einem anstrengenden Tag mit Essen trösten, sollten wir uns auch fragen, wie dieser Tag eigentlich gestaltet war und was wir verändern könnten.

Kommt Veränderung immer nur mit einem Leidensdruck?

Andreas sprach immer wieder von seinem Leidensdruck. Auch ich habe den Eindruck, wenn es nicht richtig weh tut, ändern wir nichts. Auf meine Frage hin wie er das sieht, antwortet Andreas mit der Beschreibung zweiter Kräfte, die Menschen in Bewegung bringen können

  • Der Druck von einer Situation weg zu kommen, die wir nicht mehr ertragen wollen
  • oder ein Ziel, dass für uns so reizvoll ist, dass wir unbedingt erreichen wollen.

Andreas kennt beide Motivationen, denn seinen ersten Marathon zu laufen, was ein Hin-zu Ziel. Als er mit dem Laufen begonnen hatte, war er mit 5 Kilometer zufrieden, aber einmal schaffte er zehn und in ihm entstand die Frage, ob er vielleicht auch einen Marathon schaffen könnte. Er hat den Marathon geschafft und seine Strategie ist für mich der Schlüssel zum Erfolg. Der Marathon war sein Ziel, aber alle Kilometer darunter waren auch schon ein Erfolg, weil mehr als er bisher jemals gelaufen war. Diese Einstellung bringt uns so weit, weil wir niemals scheitern können.

„Ich habe meinen Erfolg nicht an den einen Tag geknüpft, sondern an den Prozess, dass ich überhaupt losgehe auf die Reise, mich damit beschäftige, was braucht es alles, um im Marathon zu laufen, wer muss ich sein, um im Marathon zu laufen.“

Am Ende lief den Marathon tatsächlich und verband das Projekt mit einer Spendenaktion für Kinder und Jugendliche mit Adipositas.  War der Marathon dann nicht vielleicht eine Ersatzdroge für das Essen? Diese Frage beschäftigte mich, aber Andreas erklärte, dass er mit dem Marathonprojekt erst begonnen hatte, als sich sein Essverhalten bereits normalisiert und damit die Ursache für das ungesunde Verhalten überwunden hätte.

Ebenfalls ein Schlüssel um erfolgreich zu sein, wenn wir uns etwas vor nehmen. In Frieden zu gehen und sich gut um uns zu kümmern. Selfcare eben. 😏

Männer, Frauen und der Umgang mit Stress

Bei unserem Gespräch habe ich mich in einigen der Erfahrungen von Andreas wiedergefunden.

„Ich muss Harmonie herstellen, ich muss mehr leisten, ich halte alles zusammen. Das sind extrem weibliche Themen.“

Auf meine Frage, ob Männer diese Themen anders erleben oder vielleicht weniger darüber sprechen sagt Andreas:

„Ich glaube, dass es mehr Menschen brauchen würden, sich andere Fragen im Leben zu stellen, weil wenn ich mir andere Fragen im Leben stelle, dann kriege ich andere Antworten und womöglich andere Ergebnisse.“

Also sprechen wir darüber wie unterschiedlich Menschen mit Stress umgehen. Manche greifen zum Essen, andere vielleicht zu Alkohol oder versuchen, mit exzessivem Sport etwas zu kompensieren. Wieder stellt Andreas auch hier die Frage nach dem Warum.

Für mich auch die wichtigste Frage überhaupt: „Die Frage ist halt immer noch, warum mache ich es?“ Wissen wir die Antwort nicht oder wollen wir – noch – nicht hinschauen….

Ein bisschen Hoffnung, dass Veränderung möglich ist

Was braucht es also, damit wir wirklich beginnen, etwas zu verändern frage ich Andreas. Auch hier sind wir uns einig. Es hängt davon ab, welchen Grad der Bewusstheit wir haben. Viele Menschen beschäftigen sich damit, was sie essen sollten oder wie sie sich bewegen sollten. Die Frage die mein Gesprächspartner vorschlägt ist: „…die neue Frage wäre halt, warum esse ich?“

er ergänzt

„Und das, was dann noch hinzukommen darf als Zutat, ist ein bisschen Hoffnung, dass Veränderung möglich ist und dann seine Reise zu starten, wie unstrukturiert sie auch sein möge.“

Ein bisschen Hoffnung? Wie viel ist  denn ein bisschen Hoffnung, dass man wirklich beginnt, sich zu verändern will ich wissen.

Inspiration erzählt Andreas, Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht und etwas verändert haben. Das Buch „Die Wege zum Glück“ vom Dalai Lama habe ihn stark beeindruckt. Nun, die 4fache Wahrheit und der 8-fache Pfad haben schon vielen geholfen. Auch mir. Buddha, hatte eine Erleuchtung, und er sagte er hätte es einfach verstanden. Andreas hat Hoffnung geschöpft, denn die 4 edlen Wahrheiten sind, die Erkenntnis,

  1. Es gibt ein Leiden
  2. es gibt eine Ursache für diese Leiden
  3. man kann Leiden beenden
  4. und es gibt einen Weg dahin.

Wir sprechen darüber, dass wir manchmal schon wissen, dass wir etwas verändern wollen, aber noch nicht wissen, wie.

„Jeder muss den ersten Schritt selber gehen.“

Und wir sind uns auch einig: der erste Schritt ist, überhaupt nach Unterstützung oder einem anderen Weg zu suchen.

2 wichtige Fragen

Was will Andreas den HörerInnen des Podcasts mitgeben? Ich bitte ihn um eine Sache – er hat zwei Fragen;

  1. „Wie geht es mir wirklich?“
  2. „Und warum esse ich?“ (oder die andere Sache die du ändern willst)

Warum Andreas heute Menschen begleitet ist eine tiefe innere Motivation. Nach 20 Jahre der Suche nach einer Lösung, nach Erleichterung – und für mich – der innere Zustand zufrieden zu sein – alle die Zeit die er verbracht hat, Zusammenhänge bei sich zu erkennen und etwas zu verändern will er nutzen um  seiner Arbeit anderen zu helfen, damit diese nicht so lange unstrukturiert suchen zu müssen um ihren persönlichen Weg leichter zu findne.

Es gibt so unendlich viele Zusammenhänge stelle ich fest!

„Weil eigentlich ist jedes Verhalten, das schädlich uns selbst gegenüber ist, ob das jetzt Essen ist oder Selbstaufgabe im Sinne, dass wir einfach zu viel für andere machen.“

Exzessiver Sport, Alkohol- oder Drogenmissbrauch, alles was wir tun, um etwas nicht fühlen zu müssen oder uns von etwas traurigem in uns abzulenken. .. aber Andreas und ich sprechen auch über die Hoffnung, die wir aus unseren Geschichten heraus in der Welt und in anderen auslösen wollen.

„…diese Hoffnung gibt es für jeden, der bereit ist, hinzuschauen, sich zu fragen, warum, und dann dafür losgeht und einfach sucht.“

„Du bist gut so, wie du bist“

Am Ende habe ich Andreas gefragt, was er seinem jüngeren Ich sagen würde, wenn er 20 Jahre zurückgehen könnte. Seine Antwort:„Du bist gut so, wie du bist.“ Es wäre so einfach, oder?  Es ist so wichtig, dass wir uns für unsere Verhaltensweisen nicht verurteilen! Es braucht einfach die Anerknnung, dass wir jetzt hier in diesem Punkt unserer Prozesse sind. Und das kann auch Schritt Minus Eins sein, bevor wir losgehen.

Was ich so schön fand am Gespräch mit Andreas ist, dass er eines sieht: emotionales Essen hat zunächst einen sehr positiven Zweck: Es soll uns entlasten. In dem Moment wo wir diesen Zweck beginnen zu verstehen, anstatt uns selbst dafür zu verurteilen, kann Heilung beginnen

Mein Gast: Andreas Altmannsberger

Andreas ist Emotions-Coach und Autor. Er hilft Frauen, die tagsüber diszipliniert funktionieren und abends beim Essen die Kontrolle verlieren.

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