Selbsthilfe, Selfcare und die Kraft, die eigene Geschichte neu zu erzählen

Mein Gespräch mit Ursula Charwat von der Selbsthilfe Niere

Im Rahmen des diesjährigen Podcasthon durfte ich eine Frau interviewen, die mich schon länger beeindruckt.
Ursula Charwat ist stellvertretende Leitung der Selbsthilfe Niere Österreich und Chefredakteurin des Magazins „Niere Österreich“. Außerdem ist sie Künstlerin. Und vor allem ist sie selbst Nierenpatientin – zweimal transplantiert.

Dieses Gespräch war kein klassisches Interview über einen Verein.
Es war ein Gespräch über Würde. Über Erzählen. Über Grenzen. Und darüber, wie wir in Krisen nicht allein bleiben.

Wie Geschichten uns verändern

Ursula begleitet als Chefredakteurin viele sogenannte Mutmachergeschichten. Menschen schreiben über ihre Krisen, ihre Transplantationen, ihre Zweifel, ihre Wendepunkte.

Was mich besonders berührt hat: Wenn ein Mensch beginnt, seine Geschichte nicht nur zu erleiden, sondern zu erzählen, verändert sich etwas. Allein Worte zu finden, schafft eine neue Form von Kontrolle. Etwas, das vorher nur im Inneren geschmerzt hat, bekommt einen Raum. Und wenn dann jemand sagt: „Das kenne ich auch“, entsteht Verbindung.

Ich habe in diesem Moment an die Heldengeschichte gedacht. Nicht im Sinne eines großen Heldenepos, sondern ganz schlicht:
Ich kann meine Geschichte anders erzählen. Ich bin nicht nur Opfer der Diagnose. Ich kann Wendepunkte erkennen. Ich kann eine neue Perspektive einnehmen.

Und genau das passiert in Selbsthilfegruppen. Menschen hören einander zu. Und plötzlich ist da Hoffnung im Raum.

Selfcare beginnt nicht bei Wellness

Wenn wir über chronische Erkrankung sprechen, denken viele zuerst an Medikamente, Arzttermine, Therapiepläne. Und ja, das gehört dazu. Aber Selfcare beginnt oft an einem ganz anderen Punkt.

Ursula hat erzählt, dass es am Anfang ihrer Erkrankung vor allem um den Körper ging. Tabletten, Ernährung, Disziplin. Je älter sie wurde, desto klarer wurde: Es geht auch um die psychische und soziale Ebene.

Selfcare heißt dann:

  • Stopp sagen, wenn es zu viel wird.
  • Sich nicht mit vermeintlich Gesunden vergleichen.
  • Pausen einfordern.
  • Um Hilfe bitten.

Wir haben darüber gesprochen, dass chronische Erkrankungen manchmal eine sehr direkte Lehrmeisterin sind. Der Körper reagiert schneller. Die Konsequenzen sind spürbar. Und dadurch entsteht oft eine Sensibilisierung für die kleinen Signale, die andere vielleicht lange übergehen.

  • Müdigkeit.
  • Erschöpfung.
  • Innere Unruhe.

Selfcare heißt, diese Signale ernst zu nehmen.

Information reicht nicht – Begegnung schon

Wir wissen alle, was gesund ist.
Wir wissen, dass Stress ungesund ist. Dass Bewegung gut tut. Dass wir Pausen brauchen.

Und trotzdem machen wir es oft nicht.

Was Ursula geholfen hat, war nicht nur Information, sondern Begegnung. Gleichbetroffene kennenzulernen. Menschen im ähnlichen Alter. Menschen, die sagen konnten: „Ich weiß, wie sich das anfühlt.“ Der Professor im weißen Kittel kann sagen: „Sie schaffen das schon.“ Aber glauben kann man es oft erst, wenn jemand gegenüber sitzt, der genau diesen Weg gegangen ist.

Das ist die Kraft von Selbsthilfe. Nicht Theorie. Sondern Erfahrung.

Kunst als Selfcare

Ursula ist Künstlerin. Und ja, Kunst ist für sie Selfcare.

Kunsttherapie hat ihr einen Raum geöffnet, in dem Gefühle sichtbar werden dürfen – auch dann, wenn es noch keine Worte dafür gibt.  Es gibt Farbe, Form und Klang. Es geht nicht um das perfekte Bild oder um Leistung. Es geht allein darum etwas Ausdruck verleihen zu können.

Ich kenne das selbst gut. In Zeiten im Krankenhaus habe ich viel gezeichnet. Nicht, weil ich etwas produzieren wollte, sondern weil ich etwas aus mir herausbringen musste. Kunst ist eine Form von innerem Gespräch und manchmal eine Form von Freiheit.

Verbindung und Me-Time schließen einander nicht aus

Selfcare ist individuell.
Selbsthilfe ist gemeinschaftlich.

Wir haben darüber gesprochen, wie beides zusammengehört. In einer Gruppe entsteht Verbundenheit. Aber Selfcare heißt auch: Ich darf mir eine Pause nehmen.

Ein Beispiel von Ursula, das ich sehr gut finde:
In Meetings ist es selbstverständlich, dass jemand sagt, er braucht eine Raucherpause. Aber warum ist es nicht genauso selbstverständlich zu sagen: „Ich brauche kurz frische Luft“ oder „Ich hole mir ein Glas Wasser“?

Selfcare darf banal sein. Kurz rausgehen, durchatmen, zurückkommen.  Das ist kein Luxus, sondern Verantwortung für sich selbst.

Stärke heißt nicht, alles alleine zu tragen

Viele chronisch kranke Menschen kennen diesen inneren Satz: Ich muss stark sein. Ursula hat erzählt, dass sie früher automatisch „Gut“ gesagt hat, wenn sie gefragt wurde, wie es ihr geht. Alles andere wurde abgewürgt. Bis es irgendwann nicht mehr ging.

Für sie ist heute echte Stärke etwas anderes:

  • Um Hilfe bitten.
  • Grenzen setzen.
  • Sich verletzlich zeigen.

Nicht erst dann, wenn man komplett in der Überforderung ist. Sondern früher… und das gilt nicht nur für chronisch Kranke.

Chronische Erkrankung betrifft immer auch Beziehungen

Was mich besonders wichtig dünkt: Krankheit betrifft nie nur eine Person. Partnerinnen, Partner, Angehörige sind mitbetroffen. Sie müssen aushalten, dass es dem anderen schlecht geht. Und sie können oft wenig tun. In der Selbsthilfe Niere gibt es deshalb auch Gesprächsrunden für Angehörige. Oft sind sie es, die sich zuerst melden. Dieses Aushalten ohne Beschwichtigen ist eine Kunst.
Nicht zu sagen: „Das wird schon.“ Sondern zu sagen: „Ich bin da.“

Was sich gesellschaftlich verändern muss

Ursula wünscht sich mehr echtes Interesse daran, wie es chronisch kranken Menschen wirklich geht.

Krankheit ist nicht nur ein körperliches Symptom. Sie hat psychische und soziale Auswirkungen und sie beeinflusst Berufsleben, Beziehungen, Selbstwert. Unsere Gesellschaft ist stark leistungsorientiert. Aber Menschen sind keine Maschinen. Teilhabe soll und muss einfacher, Strukturen menschlicher werden  Auch das ist kein Luxus sondern ein Ausdruck von Würde.

Was Hoffnung macht

Hoffnung entsteht für Ursula in echten Begegnungen. Wenn Menschen, die sonst nur stark wirken, plötzlich sagen: „Es war schwer.“
Wenn Männer sich verletzlich zeigen, wenn jemand merkt, dass es nicht nur um Leistung geht.

Hoffnung entsteht, wenn Verbindung möglich ist und genau das leistet Selbsthilfe.

Selbsthilfe Niere unterstützen

Wenn dich dieses Gespräch berührt hat oder du selbst betroffen bist – als Patientin, Patient oder Angehörige – findest du hier weitere Informationen und Möglichkeiten zur Unterstützung:

Selbsthilfe Niere Österreich
https://www.selbsthilfe-niere.at/der-verein/jetzt-unterstuetzen/

Podcasthon – Stimme für Sichtbarkeit

Diese Folge ist im Rahmen des internationalen Podcasthon entstanden. Eine Initiative, bei der Podcasts weltweit ihre Reichweite nutzen, um gemeinnützige Organisationen sichtbar zu machen.

Ich finde das eine wunderbare Idee, weil wir alle Stimmen haben und weil Sichtbarkeit manchmal der erste Schritt zu Verbindung ist. Und Verbindung ist – wie dieses Gespräch gezeigt hat – oft der Anfang von Heilung.

Urlsula war schon mal bei mir zu Gast

Wie Selbsthilfe wirklich hilft – Krisenfest-Interview mit Ursula Charwat – Folge 101

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