Ich war die Königin des Widerstands – Ines Gerecht über Kontrolle
Dieser Blog begleitet den Podcast mit Ines Gerecht und möchte einen Überblick über das Gespräch geben. Weiter unten findest du das vollständige Transkript und Links zu Video und AudioWiedergaben des Gesprächs.
Relax, nothing is under control.
Wie oft versuchen wir im Leben alles unter Kontrolle zu halten? Wir planen, organisieren, denken voraus und wollen Fehler vermeiden. Trotzdem funktioniert es nicht immer so, wie wir uns das vorstellen. Das Leben kommt einfach anders als geplant.
In dieser Krisenfest Folge spreche ich mit Ines Gerecht über Kontrolle, Widerstand und Vertrauen. Ines ist Heilpraktikerin für Psychotherapie mit dem Schwerpunkt Psychosomatik. Ihre eigene Geschichte mit einer schweren Neurodermitis ist ein wichtiger Teil unseres Gesprächs.
Auch Perfektionismus und Angst sind Themen und die Frage, warum unser Körper oft früher weiß, dass etwas nicht stimmt. Dabei geht es darum, früher auf unseren Körper zu hören, anstatt gegen ihn und das Leben zu kämpfen.
Kontrolle ist der Versuch, etwas auszuschließen
Dieser Satz von Ines hat mich schon nach unserem Vorgespräch beschäftigt: Kontrolle ist der Versuch, etwas auszuschließen. Wir wollen ausschließen, verlassen zu werden, unsere Wohnung zu verlieren, zu scheitern oder verletzt zu werden. Gleichzeitig möchten wir nicht mit etwas konfrontiert werden, das sich für uns nicht „händelbar“ anfühlt.
Natürlich können wir Einfluss nehmen. Vor dem Überqueren einer Straße schauen wir nach links und rechts, für den Kuchen im Ofen stellen wir einen Wecker. In einer Beziehung können wir vieles dafür tun, dass sie funktioniert – ausschließen können wir trotzdem nicht, dass etwas anders kommt.
Ines hat irgendwann für sich erkannt, wie hoch der Preis für ihre Kontrolle ist. Kontrolle fühlt sich für sie fest, eng und hart an und genau diese Enge verursacht Stress. Während des Gesprächs frage ich mich auch, welche Dinge ich über Routinen und Rituale kontrolliere, aber warum glaube ich das? Über Kontrolle kann man wirklich sehr viel nachdenken 😅
Wenn der Körper mit uns spricht
Sehr offen erzählt Ines von ihrer Neurodermitis. Mit 20 Jahren war sie an einem Punkt, an dem ihre Cortisoncreme nicht mehr half. Ihr Gesicht war offen und entzündet, auch ihre Arme waren betroffen. In ihrer Verzweiflung landete sie bei einer Heilpraktikerin. Plötzlich ging es nicht mehr nur um ihre Haut, sondern um ihre Familie und ihre Geschichte. Sie sollte auch ausziehen – ihre damalige Reaktion beschreibt Ines so: „Ich habe da ein Hautproblem, jetzt ein Immobilienproblem.“ 😅
Damit öffnete sich für sie eine Tür zu einer anderen Sicht auf ihren Körper. Später kamen weitere körperliche Themen dazu. Irgendwann wurde ihr klar: „Dein Körper spricht übrigens weiter mit dir.“
Bevor wir loslassen, gilt es anzuerkennen
Wir sind uns einig: loslassen ist ein großes Wort. Für Ines beginnt der Weg deshalb an einer anderen Stelle. Bevor sich etwas verändern kann, müssen wir anerkennen, dass es überhaupt da ist. Wir schauen uns an wie sich Widerstand auswirken kann, denn lange hat Ines gegen ihre Neurodermitis gekämpft und wollte sie nicht als Teil ihrer Situation akzeptieren. (kenne ich übrigens gut 🙈)
Das Wetter können wir auch nicht dadurch verändern, dass es so wie es ist nicht wollen. Wenn es regnet, können wir einen Schirm aufspannen und einen Weg finden, mit diesem Regen umzugehen. Mehr geht nicht.
Ines sagt dann einen Satz, der am Ende auch der Titel dieser Folge geworden ist: „Ich war die Königin des Widerstands.“
Das Wetter richtet sich halt nie nach dem was wir glauben zu brauchen. Genauso ist es mit Symptomen, aber Akzeptanz bedeutet nicht, dass etwas sofort verschwindet, aber allein dadurch kann etwas entspannen und ruhiger werden – das habe ich auch am eigenen Leib erfahren dürfen – gleich mehrmals.
Kontrolle und Selbstermächtigung sind nicht dasselbe
Immer wieder kommen wir auf die Selbstermächtigung zurück. Denn Kontrolle und Selbstermächtigung sind zwei unterschiedliche Dinge. Mit Kontrolle versuchen wir auszuschließen, dass etwas überhaupt passiert, in der Selbstermächtigung schließen wir nichts aus. Stattdessen sind wir mit dem, was ist, und finden dann Wege.
Diese Wege können anders aussehen, als wir sie gerne hätten. Das Leben sorgt für uns, aber nicht immer so, wie wir es schön finden. An dieser Stelle schließt sich für mich ein Kreis zu unserem Gespräch über Vertrauen. Bis jetzt haben wir 100 Prozent der Dinge lösen können, die gekommen sind. Sonst wären wir nicht hier.
Ich falle nicht mehr frei, ich habe einen Fallschirm
Innere Leichtigkeit bedeutet nicht, dass im Außen immer alles leicht wird. Dann wäre alles schön, der Partner wäre immer toll und die Kollegen wären es auch. So ist das Leben nicht.
Ines erzählt von einer Klientin, die ihr dafür ein wunderschönes Bild gegeben hat. Diese Frau hatte lange das Gefühl, im freien Fall zu sein. Die Situation im Außen wurde durch ihre Arbeit nicht plötzlich angenehm. Verändert hatte sich ihre eigene Reaktion darauf: „Ich falle nicht mehr frei, ich habe einen Fallschirm.“
Genau darum geht es Ines bei innerer Leichtigkeit. Für Situationen im Außen finden wir einen Weg, mit ihnen umzugehen. Dafür müssen sich die Situationen selbst nicht verändern.
Ein weiterer Satz aus unserem Gespräch bringt diesen Gedanken für mich auf den Punkt: „Ich finde Lösungen für Probleme, wenn die Probleme da sind.“ Vertrauen und bringt uns wieder in die Selbstermächtigung.
Perfektionismus, Angst und die Kunst des Fallens
Am Ende landen wir beim Perfektionismus. Was passiert, wenn wir Angst davor haben, Fehler zu machen oder zu scheitern? Von dort kommen wir zum Fallen und wieder Aufstehen. Denn es geht nicht darum, keine Wellen mehr im Leben zu haben. Entscheidend ist, zu lernen, mit diesen Wellen umzugehen.
Ich erzähle Ines auch von meiner eigenen Erfahrung mit dem Fallen. Dabei geht es um Körperwahrnehmung, Fehler und die Erfahrung, wieder aufzustehen. Nicht jedes Fallen bedeutet, dass wir etwas falsch gemacht haben. Manchmal liegen wir einfach am Boden und stehen wieder auf.
Mehr Vertrauen in den eigenen Weg
Unser Gespräch beginnt bei Kontrolle und führt zu Widerstand, Akzeptanz, Selbstermächtigung und Vertrauen. Dabei sprechen wir über unseren Körper und die Energie, die der Kampf gegen das kostet, was gerade da ist. Es geht nicht darum, nichts mehr zu tun. Für uns sorgen, Lösungen suchen und Verantwortung übernehmen können wir weiterhin.
Gleichzeitig können wir anerkennen, dass wir nicht alles ausschließen und kontrollieren können.
Für mich bleibt nach diesem Gespräch vor allem die Frage, wie hoch der Preis unserer Kontrolle eigentlich ist. Was verändert sich, wenn wir nicht mehr gegen alles kämpfen? In dieser Folge findest du neue Perspektiven und Gedanken für deinen eigenen Weg. Ich wünsche dir viel Freude mit unserem Gespräch.

