Es beginnt immer mit einer Frage

Vor kurzem wurde ich gefragt, ob ich gern über das Thema Yoga und Trauma sprechen will. Konkret ging es um einen Teil für eine Ausbildung im Rahmen des Vereins Afya. Dieser Verein fördert die ganzheitliche Gesundheit von Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung.

Das Ziel der mehrwöchigen Ausbildung ist es, die Menschen so auszubilden, dass sie in ihren Communities und in ihrer Landessprache Zirkel bilden und in solchen die Menschen zum Thema Gesundheit zu informieren.

Kenne ich Trauma und was ist das überhaupt?

Ich muss sagen, das ich zunächst dachte: ich hab doch gar keine Erfahrung mit Trauma. Was ich gelernt habe, ist nicht sofort zu oder ab zu sagen, sondern zu beobachten wie sich dieses Thema in meinem Kopf und Bauch entwickelt. Denn in der Beschäftigung mit der Frage hab ich erkannt, dass ich Trauma sehr wohl kenne. Ich habe keine Erfahrung mit einer Flucht, aber meine Großmutter hat viel über ihre Flucht aus Ungarn erzählt und ich kann schon sagen, dass die Erlebnisse, die man als chronisch kranker Mensch macht, auch traumatisch sind. Ich hatte sie nie als solche gesehen, aber Trauma kenne ich. Ich habe nur durch Erfahrungen in meiner Kindheit und der Yogaphilosophie großartige Tools an der Hand um mit ihnen umzugehen.

Die Deutsche Traumastiftung schreibt auf ihrer Website diese Definition: Ein Trauma (griech.: Wunde) ist ein belastendes Ereignis oder eine Situation, die von der betreffenden Person nicht bewältigt und verarbeitet werden kann. Es ist oft Resultat von Gewalteinwirkung – sowohl physischer wie psychischer Natur. Bildhaft lässt es sich als eine „seelische Verletzung“ verstehen.
Als traumatisierend werden im Allgemeinen belastende Ereignisse wie schwere Unfälle, Erkrankungen und Naturkatastrophen, aber auch Erfahrungen erheblicher psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt sowie schwere Verlust- und Vernachlässigungserfahrungen bezeichnet. Sie können tiefe Wunden in der Seele hinterlassen, die einen Menschen das Leben lang beeinträchtigen.
Wie eine körperliche Verletzung Zeit braucht, um zu verheilen, ist auch ein Trauma eine Verletzung der Seele, die ebenfalls Zeit braucht zum Verheilen.“ (Quelle)

Den eigenen Körper verfallen zu sehen und nichts dagegen tun zu können. Eine Beziehung zerbrechen zu sehen. Missbrauchtes Vertrauen. Das sind alles traumatische Erlebnisse.

Mir gefällt daher diese Interpretation nicht 100%. Meiner Meinung nach, habe ich nicht sofort die adäquaten Mittel eine Situation zu verarbeiten oder zu bewältigen. Trauma ist auch ein Prozess. Es passiert etwas, das verstört oder schockiert. Dann geschieht eine Reaktion die sowohl bewusst als auch unbewusst abläuft. Dann werden gelernte Ressourcen aktiviert und neue Ressourcen werden kreiiert. So bewältigen wir nach und nach Situationen, die uns aus dem Konzept werfen.

Meiner Meinung nach ist aktuell auch die ganze Welt traumatisiert. Solch eine Situation hatten wir noch nie und man spürt Verunsicherung, den Versuch damit umzugehen, sich alles zu erklären und neue Wege zu finden mit der neuen Situation zu leben.

So ähnlich erlebte ich auch meine zwei Transplantationen. Darüber schreibe ich auch in meinem ersten Buch. Mein Leben, meine Lungentranslantationen und ich.

Lösungsansätze

Mit dieser Erkenntnis habe ich jedenfalls den kleinen Workshop zugesagt und es ging in die Vorbereitung. Das aller wichtigste für einen Workhop und Vortrag ist immer zu überlegen, wer das Publikum ist und dann, was die Inhalte sind, die sie brauchen. Das war gar nicht so schwer. Ich wusste, dass diese Tage für die TeilnehmerInnen lang sind und dass sie von einer Exkursion kommen würden. Es war ein 34 Grad Tag. Die Sprache müsste einfach sein. Yogakenntnisse konnte ich nicht voraussetzen Welche Übungen sollte ich also vorbereiten? Wie überhaupt mich vorbereiten.

Ich entschied mich für eine Reihe an Übungen, die ich in der Ayurveda-Ausbildung gelernt hatte. Die aus dem Yoga kommenden Übungen sind stark energetisch und ich fand einige davon in der Polarity-Bewegung, für die ich mich seither mehr interessiere. Zunächst einmal wollte ich darüber sprechen, wie ich Yoga verstehe und was genau mir in schwierigen Situation geholfen hatte.

Dann sollten die Übungen und eine kurze Nachbesprechung folgen.

Ich bin sehr froh darüber, sehr flexibel zu sein, denn als ich ankam, fand ich eine runde interessierter aber sehr müder Menschen und ein kleines Kind im Raum. Wenn ich mit einem fixen Konzept gekommen wäre, hätte ich wohl keine Chance gehabt mich einzufühlen. Wie immer weiß ich nachher mehr aber insgesamt war ich sehr zufrieden mit dem Workshop

Der Workshop

Wir haben mit einer Vorstellungsrunde begonnen und damit, das ich ein bisschen was über meinen Weg erzählt habe. Ich sprach auch über Trauma und über Emotionen. Ich kann mir vorstellen, dass da sehr viele Emotionen sind und meiner Meinung nach geht es darum, zunächst einmal die Angst vor den Emotionen zu nehmen. Es ist mir klar, dass ich dieses Setting nicht mit akuten Trauma Patienten machen könnte, der Rahmen hätte nicht gepasst, aber für die gegebene Situation waren die Übungen ein Angebot.

Atmung

Zunächst einmal habe ich sie mit der Atmung experimentieren lassen. Ein Gefühl der Wut aufkommen lassen und dann beginnen mit einer tiefen Atmung zu entspannen. Hände auf den Bauch und Hände auf Bauch und Herz. Nicht nur als Erinnerung, sondern auch als Schutz. Ich empfinde es sehr heilsam, beruhigend und vor allem tröstend, meine Hand auf meinen Herzraum zu legen und zu atemen. Es hat etwas von bei sich ankommen.

Im Anschuss habe ich die Teilnehmer gebeten zu sehen, ob sich ihr Gefühl verändert hat. Oft war es noch da, aber es wurde als weiter weg beschrieben, was es schon einfacher macht „darauf“ zu schauen oder sich einfach etwas zu befreien.

Einige Teilnehmer waren sehr müde und ich begann Nadi Shodana, die Wechselatmung zu unterrichten. Einmal nur rechts ein- und ausatmen, wobei das linke Nasenloch zugehalten wird. Dies bewirkt eine Energetisierung. Dann, zum vergleich lies ich sie nur durch das linke Nasenloch atmen. Um die Wirkung wieder auszugleichen wiederholten wir die rechte Seite. Die teilweise starke Wirkung dieser Übungen überrascht mich selbst immer wieder.

Übungen

Die Übungen habe ich den Emotionen angepasst, die mir die Teilnehmer als für sie wichtig berichtet haben.

Zunächst einmal ist da die Übung „Holzhacken“
Ich liebe diese Übung, weil sie die Energien im Körper aktiviert, mir ermöglicht meine Stimme zu kräftigen und durch die tiefe Ausatmung auch mehr frische Energie in den Körper zu bekommen. Zudem kräftigt sie durch den Sprung und die Abwärts und Aufwärtsbewegung und die tiefe Hocke den ganzen Körper. Als erste Übung lockert sie zudem auf.

Anleitung: Hände falten, Zeigefinger ausstrecken, Nach oben lang strecken, die Arme über den Kopf. Dann schnell hinuntersausen lassen, kurz dabei springen, laut „ha“ rufen

Die Übung Wolken schieben war die nächste Übung.
Auf der körperlichen Ebene werden die Gelenke bewegt, die Wirbelsäule bewegt und die Beinmuskulatur gestärkt. Auf der seelischen Ebene bin ich in dieser Übung in der Lage, die Wolken, die mir die Sicht verstellen, wie Sorgen, Ängste, u.s.w. wegzuschieben.

Anleitung: Eine Richtung ein, die andere Richtung ausatmen. Was will ich wegschieben – Was bleibt dann über

Nachdem Schlafen ein großes Thema ist habe ich auch „in die Vergangenheit schauen“ gemacht. Ich mag diese Übung weil sie einerseits die gesamte Wirbelsäule bewegt, andererseits auch den Stand in der Gegenwart bewusst macht und zeigt, dass Vergangenes zwar Teil der Geschichte ist, aber ich entscheide, was ich mitnehmen möchte in die Zukunft, die von mir nur in einer aktiven Rollen in der Gegenwart maßgeblich mit beeinflusst werden kann.

Anleitung: mit den Armen & Oberkörper schwingen, auf die Schultern klopfen (Drehende Bewegung), dann wieder langsamer werden – mit den Armen ausschwingen

Eine letzte Übung ist die Übung „Schwerter“ Sie ist wunderbar. Wieder wird der ganze Körper einbezogen und die Kraft in den Armen. Die Idee dahinter war, mir den Weg frei zumachen von Hindernissen.

Anleitung: Mit einem Fuß hinaustreten (einmal rechts, einmal links) und mit den Armen von rechts oben nach links unten (4x) dann von links oben nach rechts unten – laut durch den Mund ausatmen.

Conclusio und Rückmeldungen

Ich habe für diesen Beitrag nicht alle Übungen zusammen getragen, sondern nur diese erwähnt, die ich speziell für diese Gruppe gedacht habe. Ich fand es sehr bereichernd in solch einer Gruppe sprechen zu können. Es waren alle interessiert, und auch wenn wohl nicht alle alles mitverfolgen konnten, so war doch zu spüren, dass die körperlichen Übungen, zu denen ich auch die Atmung zähle, einen Eindruck hinterlassen haben.

Für ein nächstes Mal habe ich mir auch schon viele Ideen mitgenommen und werde wohl doch etwas strukturierter vorgehen um die Hintergründer der Übungen auch schriftlich mitzugeben, aber ich bin sehr zufrieden mit diesem ersten Mal.

Fragen

Yoga ist gut angekommen, aber am meisten habe ich Google und Youtube empfohlen. Die Fragen waren oft, wo man das genauer lernen kann. Aber natürlich in der Landessprache und so bin ich wirklich froh darüber, dass der Yoga inzwischen so weit verbreitet ist. Ich habe zudem betont, wie wichtig das gute Gefühl bei den Übungen ist. Wenn man sich wohl fühlt, lernt man schneller und leichter. Ich hoffe, dass alle ihre Ballettkurse und Sportangebote finden, die sie gesucht haben. Es scheitert oft an so wenig und wieder einmal ist mir klar geworden wie nicht-selbstverständlich ein eigner Raum ist, eine Internet Verbindung, ein ruhiger Schlaf und eine gewisse Sicherheit.

Man kann über Flüchtlingspolitik streiten, aber es geht im Endeffekt immer um Menschen. Ich hoffe, die Welt wird das irgendwann einmal verstehen, so dass sich alle bei sich zu Hause und willkommen fühlen können und sich die Welt irgendwann erinnert, dass es nur im Frieden gehen kann. Wohlstand, Wohlgefühl, Gesundheit und das Recht in Frieden zu leben.

Lokāh Samastāh Sukhino Bhavantu

Ich möchte noch ergänzen, dass ich als zusätzliche Vorbereitung für den Workshop bei OneCommune in den Kurs „Transforming Trauma“  mit Dr. James Gordon hinein geschaut. habe Für eine vollständige Bearbeitung war leider keine Zeit, aber ich habe mir bereits sein Buch bestellt und werde im Sommer den Kurs vollständig ansehen.

Anmerkung

Dieser Artikel hat nicht den Anspruch ein vollständiges Bild von den Möglichkeiten von traumasensiblem Yoga zu geben. Er zeigt meine persönliche Erfahrung und meine gesammelten Erkenntnisse mit Yoga, Trauma, Verletzungen, Umgang mit Krankheit und Stress in meiner persönlichen Entwicklung und durch meine Arbeit als Yogalehrerin.