Wer glaubt, dass positive Ereignisse das Leben nur leichter/einfacher machen, der irrt. Ich höre immer wieder, dass auch wenn Veränderung positive Aspekte in unser Leben bringt, diese oft als sehr anstrengend empfunden werden. Über Neues, Positives, Schönes kann man sich doch nur freuen – oder?

In unserem Leben passiert es wohl öfter, dass einem nach einem schlimmen Ereignis mehr Trost, Zeit oder Anerkennung für den Umgang damit, zugestanden wird. Aber wie ist das mit den Positiven Dingen. Die erfordern oft viele mehr von uns als die reine Akzeptanz.

Als ich Mitte Juli 2018 meine neue Lunge bekommen habe und am nächsten Tag aufgeweckt worden bin, war ich gut gelaunt, happy, überdreht. Vermutlich auch die Medikamente/Drogen. Ich ertappte mich bei dem Gedanken: „Bist du überhaupt dankbar genug?“ Schuldbewusst, weil ich „einfach nur so glücklich“ war, oder besser: ich war nicht glücklich genug (!) habe ich sofort begonnen damit „Danke“ zu sagen. Dem Universum, den Ärzten, der Welt, der Lunge, … Ich habe mich darauf konzentriert „glücklich“ zu sein, weil ich es natürlich gefühlt habe, aber vor allem weil Dankbarkeit und Freude in diesem Moment einfach „passend“ waren.

Als ich dann nach Hause kam war das Leben vor allem eines: anstrengend. Weil es anstrengend ist wenn man auf einmal wieder „normal“ ist. Weil ich zuviel von mir wollte. Weil ich gesund sein wollte. Weil ich sofort wieder ins Leben stürzen wollte…

…ich kam aus dem Wollen und sollen gar nicht mehr heraus.

Ich kann mich erinnern, dass ich mich auch leer und überfordert fühlte, aber wie konnte das sein! Jetzt, wo doch die Lunge endlich da ist! Als ich 6 Wochen später darüber sprach, merkte ich erst, wie sehr das Tempo, das sich in meinem Leben breit gemacht, dass ich zugelassen hatte, mich überforderte.

Ja, die Lunge war endlich da, aber ich hatte das Gefühl zerrissen zu sein in der „Zeit“. All das, was wieder funktioniert mit der neuen Lunge ist ein unglaubliches Geschenk, aber die Geschwindigkeit mit der es geschah, hat mich nicht nur glücklich gemacht (oh, ich bin sehr dankbar, aber es fühlte sich nicht richtig an)

… ich hatte das Gefühl, dass ein Teil von mir noch nicht realisiert hatte was jetzt eigentlich passiert ist.

Ich erinnerte mich an die Geschichte eines Forschers, der die Mitarbeiter seiner Expedition antrieb. Irgendwann blieben sie sitzen und teilten ihm mit: ja, sie wären da, aber ihre Seelen müssten noch nachkommen…

… genauso fühlte es sich für mich an.

Auch für gute Veränderungen im Leben braucht es Zeit sie zu verarbeiten, zu „verdauen“ und das Leben, wie wir es noch nicht kennen, neu aufzubauen.

Es ist wohl auch so, wenn ein Kind geboren wird, ein neuer Job gefunden, ein neues Projekt gestartet wird. Etwas ist neu, braucht seinen Platz und Routine, Aufmerksamkeit und Adaption von unserer Seite. Das gleiche gilt für den Tod, Jobverlust, Trennung etc…

Ich glaube wir denken, dass das Positive sich seinen Platz im Leben selbst schafft, dass wenn wir mehr von etwas haben, oder sich ein Wunsch erfüllt, wir einfach nur glücklich sein werden, aber Veränderung braucht Zeit und vor allem unsere Aufmerksamkeit!

Ich habe sehr genau beobachtet, was es mit mir tut und ich bin von der Euphorie in eine neue Stimmung gewechselt. Ich bin jetzt neugierig. Jeden neuen Tag, jede neue Woche betrachte ich als neue Möglichkeit mit dem umzugehen was ist. Ich muss nicht (wie ich dachte) sofort wieder voll da sein.  Ich darf mich ent-wickeln. Aus dem Kuddelmuddel der verschiedenen Gedanken, Wünsche und (An)Forderungen an mich selbst heraus neu entstehen. Weil ich jeden Tag neu bin.

Wenn ich so wachsam und achtsam mit mir selbst bin, kann ich diese Veränderungen besser sehen und annehmen. Mich gut um mich selbst kümmern und meine Bedürfnisse besser leben. Dann findet Veränderung statt ohne, dass sie mich ohnmächtig macht und ohne, dass ich von mir selbst fordere in einer bestimmten Art und Weise zu sein.

Was die Gesellschaft von uns erwartet ist zu einem großen Teil selbst hergestellt.

Wir denken also sind wir.

Ich denke, also bin ich.

Dieses Zitat von René Descartes ist auch auf dieser Ebene wahr. Nur wenn ich denke, dass ich auf eine gewisse Art und Weise zu sein habe, kann dieser Gedanke auch Druck auf mich ausüben.

Veränderung braucht Zeit.

Auch wenn sie gut ist – oder vor allem wenn sie gut ist, denn auch das Gute will in unserem Leben seinen Platz haben.

Stell dir vor, du gewinnst im Lotto und holst den Gewinn nicht ab.

Apropos Lottogewinn: ich würde die Million auf ein Konto einzahlen und mir jedes Monat davon 3000 Euro auszahlen lassen. Genug für ein gutes Leben ohne Sorgen und mit genug Luxus..

So ähnlich sehe ich das auch mit allem anderen Guten im Leben:
Ich integriere es jetzt in kleinen Dosen in mein Leben. Schritt für Schritt…  Ich muss ja nicht alles sofort annehmen, ich kann auch sagen: „Danke! Gerne später!“

Das lässt mich glücklich sein.

Wie geht es dir mit (positiven) Veränderungen?