Letztens saß ich mit einer Freundin zusammen, die ebenfalls zweimal lungentransplantiert wurde. Ich fragte sie, ob ihr die Narbe auch noch weh tut und noch ein paar andere Dinge. Man kann sich gar nicht vorstellen, was nach einer Transplantation plötzlich an Themen auftauchen…  🙂
Sie erzählte mir, sie würde sie, vor allem in der Mitte (da ist ganz wenig Haut), gar nicht so gerne angreifen, und dann ergänzte sie scherzhaft, sie sei ja „beschädigte Ware“.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht und wenn ich über etwas nachdenke möchte ich darüber schreiben.

Ich möchte heute gerne über Narben schreiben.

Beschädigte Ware….

Beschädigte Ware wird im Geschäft entweder entsorgt und gar nicht verkauft oder günstiger angeboten. So, also ob das, was da beschädigt ist dadurch weniger wert wäre. Aber stimmt das immer? Kommt es nicht darauf an, was wie beschädigt wurde/ist?

Seit der Lungentransplantation vor 8 Jahren zieren mich 3 große und 6 kleinere Narben. Seit dem 10. Juli 2018 ist die ganz große erneuert worden. Sie beschreibt eine Linie unterhalb der Brust, quer über den gesamten Brustkorb. Noch ist sie rot, und man sieht rechts und links von ihr kleine Punkte, dort wo die ca 54 Klammern angesetzt waren. Wunderschön.

Ich sehe mich mit meinen Narben also vollkommen anders.

Eine andere Freundin von mir meinte in einem Gespräch letztens, dass Narben die Verletzlichkeit des Körpers zeigen würden.

Auch das war ein vollkommen neuer Gedanke für mich!

Ich fühle ich mich überhaupt nicht beschädigt oder verletzlich!

Ich fühle mich mehr als Kriegerin!

Ich habe meine Narben, weil ich etwas erlebt habe – weil ich etwas überlebt habe.
Mein Körper ist transformiert, verändert, und ich mit ihm.

Ich trage die Narbe als Zeichen dafür, dass ich (zumindest) einen Kampf gewonnen habe und eine Geschichte erzählen kann!

….

Es gibt da dieses wunderbare Bild … 

Der Gedanke ist wunderschön! Den Wert eines Gegenstands nicht an seiner Makellosigkeit, sondern an seiner Geschichte zu messen.

Beschädigte Ware….

Das hat mich genau so getroffen wie ein Kommentar zu meinem vorangegangenen Post, wo eine Frau schreibt, dass sie sich wiedergefunden hat an dem Punkt wo ich beschreibe, dass ich das Gefühl hatte, nicht mehr in die Gesellschaft zu passen. Trotz allem was wir erlebt haben und noch erleben, halten wir es noch immer für nötig uns zu rechtfertigen wenn wir z.B. öfter müde sind und nicht „mithalten“ können mit dem irren Tempo in dem sich die Welt gerade befindet.

Wir sind nicht beschädigt!

Wir sind Helden!

Anstatt uns dafür zu rechtfertigen, warum wir nicht sind wie die anderen, sollten wir erkennen, welche Kräfte wir tagtäglich aufbringen, um zu versuchen uns hineinzuquetschen in Formen, in die wir nicht hinein passen mit unseren Geschichten, in die wir vielleicht gar nicht hineinpassen sollen weil wir zu viel gesehen, erlebt, gelitten und gespürt haben.

Weil wir einen Schritt weiter gegangen sind, indem wir unsere speziellen Geschichten leben.

Jeder tut das…

Narben erzählen die Geschichte davon.

Narben zeigen, wie viel der Körper aushält und wie viel wir bereit waren auszuhalten, um leben zu dürfen … und zu können.

Narben zeigen, dass man mutig genug war, etwas zu riskieren. Ich spreche von den inneren Narben übrigens genauso wie von den äußeren.

Nicht alle Narben erkennt/sieht man…

Oft wollen wir unsere Narben nicht zeigen weil wir glauben sie zeigen wie verletzlich wir sind, dabei zeigen sie das Gegenteil! Sie zeugen von unserer Kraft!

Wenn ich in einen Raum voller „normaler“ Menschen ginge und anstatt mir selbst Geschichten über die Menschen zu erzählen, die Menschen selbst sprechen lassen würde, ich hätte – da bin ich mir sicher – einen Raum voller Helden.

Ich bin der Meinung, dass Helden und Krieger keine Übermenschen sind.

Menschen, die ihr Leben meistern, nicht mit ihrem Schicksal hadern, sondern sich dem stellen was ist, und sich ihr Lachen bewahrt haben, sind Helden.

Eine besondere Freundin von mir zieht ihre kleine Tochter alleine groß. Der Vater ging kurz bevor die Kleine auf der Welt war. Ich bin jedes Mal wieder begeistert und voller Bewunderung wie sie das so „schupft“. Nicht, dass sie die ganze Geschichte kalt gelassen hat. Keineswegs. Aber sie hat sich dem allem gestellt und ist mit allem umgegangen. Den schönen und den traurigen Seiten. Wow.

Wenn ich so darüber nachdenke kenne ich sehr sehr viele großartige Menschen.

Ich glaube, sie wissen es nur selbst nicht so gut…. vielleicht sollte ich es ihnen öfter mal sagen! 🙂 (aber das ist ja ein ganz ein anderes Thema)

Für alle Narben gilt: Die Pflege ist wichtig.

Ich massiere meine Narben jeden Tag, damit sie geschmeidig sind, bleiben und werden.
Ich bin vorsichtig und liebevoll und je länger ich es mache, umso geschmeidiger werden sie. Umso besser ich mit mir umgehe, umso lieber bin ich mit mir in meinem Körper zusammen, der so großartig ist, dass ich jeden Tag staune. Ich betrachte meine Narben ebenso wie alles was „gut“ ist an mir.

Ich erinnere mich daran, dass ich nur durch das großartige, wunderbare Geschenk einer Lunge jetzt hier bin, ich aber trotzdem aus vielen Millionen Zellen bestehe, die jeden Tag eine großartige Arbeit tun und durch die mein Körper existiert.

Ich bin für jede einzelne dankbar.

Alles entsteht und vergeht.

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